GeschichteWarnung vor Alibi-Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag

Jedes Jahr wird am 27. Januar den Opfern des NS-Regimes gedacht. Der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald blickt auf den Holocaust-Gedenktag mit gemischten Gefühlen - und plädiert bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus für mehr Gegenwartsbezüge.

Von dpa Aktualisiert: 26.01.2023, 23:03
Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, steht auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora.
Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, steht auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Weimar - Der Historiker und Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, Jens-Christian Wagner, hat mehr gesellschaftliche Verankerung des Holocaust-Gedenktages angemahnt. „Nach meiner Wahrnehmung hat es vor zehn, zwanzig Jahren noch mehr dezentrale Veranstaltungen zum 27. Januar gegeben, von zivilgesellschaftlichen Initiativen, die es auch zum Teil nicht mehr gibt“, sagte Wagner der Deutschen Presse-Agentur.

Es gebe an Gedenktagen immer die Gefahr von „Alibi-Veranstaltungen“. „Den einen Tag macht man dann was und dann werden bedeutungsschwangere, pathosgeladene Reden gehalten, das ganze wird ritualisiert und an den übrigen 364 Tagen des Jahres passiert gar nichts“, erläuterte Wagner. Aufgrund dieser Gefahr sei er kein besonders großer Fan von Gedenktagen.

Am 27. Januar ist der weltweite Holocaust-Gedenktag. Hintergrund ist die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945. Israel gedenkt jährlich am Tag Jom ha-Schoah - in diesem Jahr am 17./18. April - der Holocaustopfer.

Wagners Ansicht nach haben Gedenktage aber auch gute Seiten - „wenn sie sich wirklich nicht nur darauf beschränken, dass im Bundestag oder im Landtag eine Veranstaltung stattfindet, die aber abgehoben ist und letzten Endes den normalen Bürger und die Bürgerin nicht erreicht“, sagte er.

Ein solcher Tag müsse gesellschaftlich verankert sein - das sei in Deutschland auch teilweise der Fall. Seiner Ansicht nach sei das aber etwas eingeschlafen. Die Gedenkstättenbewegung sei einst eine Graswurzelbewegung gewesen, die gefordert habe, dass der Staat seiner Verantwortung nachkommen müsse. „In dem Augenblick, wo der Staat seiner Verantwortung nachgekommen ist und sich der Sache angenommen hat, ließ das Engagement in der Zivilgesellschaft nach“, sagte Wagner.

Man könne die gesellschaftliche Verankerung reaktivieren, „aber nur, wenn wir Gedenkstättenarbeit mit Gegenwartsbezügen versehen“, sagte Wagner. Das Bewusstsein, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus relevant ist für „die Aushandlung dessen, was wir Demokratie nennen, dieses Bewusstsein lässt nach, auch bei jüngeren Politikerinnen und Politikern.“ Das mache ihm Sorgen. Der liberale Rechtsstaat in Deutschland sei ein zentrales Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.