„Wem gehört mein Dorf?“ Doku stellt große Fragen im Kleinen

Ein idyllisch gelegenes Dorf auf Rügen wird zum Urlaubs-Hotspot. Welche Konflikte das mit sich bringt, erzählt eine persönliche und packende Dokumentation. Sie weist weit über den Handlungsort hinaus.

Von Christopher Hirsch, dpa

Göhren - Weiße Bäderarchitektur, malerisches Hinterland, zum Teil naturbelassene Strände - die Urlaubsorte Rügens locken jedes Jahr zahllose Touristen an. Wie sich diese Idylle selbst zum Opfer fallen kann und was das für Einheimische bedeutet, davon handelt der Dokumentarfilm „Wem gehört mein Dorf?“.

Das Dorf, um das es geht, heißt Göhren: im Südosten von Rügen gelegen, etwa 1300 Einwohner und Heimat des Regisseurs Christoph Eder. Für ihn sei von Anfang an klar gewesen, dass er die Geschichte nur aus seinem persönlichen Blick habe erzählen können, erklärte Eder der Deutschen Presse-Agentur. So ist es seine Stimme, die die Geschichte behutsam aus dem Off erzählt - ein Novum für ihn, wie er sagte.

Der Film beginnt mit verwackelten Aufnahmen aus unbeschwerten Kindheitstagen des Filmemachers Anfang der 1990er Jahre. Aus dem Off stellt Eder fest, dass vom Göhren dieser Zeit heute nicht mehr viel übrig sei. Er spricht von dem „mulmigen Gefühl, das hier irgendetwas schiefläuft“.

So geht es vielen Protagonisten seines Films ebenfalls. Ein gerodeter Wald, ein Parkhaus-Deal zum finanziellen Nachteil der Gemeinde oder die Bebauung grüner Flächen am Rande Göhrens stören sie. Es geht auch um einen Investor, der seit der Wende mit seinen Projekten den Ort geprägt hat wie kein anderer, und um einen Gemeinderat, der trotz Kritik und auch gegen den Bürgermeister Projekte absegnet - dank des Abstimmungsverhaltens vierer Männer. Sie argumentieren mit wirtschaftlicher Entwicklung oder der Schaffung von Wohnraum.

Auf der anderen Seite stehen hingegen Einwohnerinnen und Einwohner, die sich sorgen um den Erhalt der Natur und der Einzigartigkeit ihrer Heimat und daran zweifeln, dass es tatsächlich um bezahlbaren Wohnraum geht. In ihrer Ohnmacht erkennen sie schließlich, dass sie sich selbst in den Gemeinderat wählen lassen müssen, wenn sie Einfluss nehmen wollen.

„Ich habe die Chance gesehen, eine große Geschichte über Demokratie im Kleinen zu erzählen“, sagte Eder im Interview. Das ist ihm offenbar gelungen. Nach Vorführungen etwa auf Online-Festivals habe er Feedback auch aus dem Ausland erhalten. „Von Menschen, die berührt waren von dem Film, von Menschen, die sich motiviert gefühlt haben, sich selbst zu beteiligen an der Demokratie.“ Menschen aus ganz anderen Regionen hätten gesagt, dass bei ihnen die gleichen Themen eine Rolle spielten.

Neben idyllischen Landschaftsaufnahmen besticht der Film durch seine Protagonisten, die Eder aus nächster Nähe, aber unaufdringlich begleitet. An die beteiligten Menschen heranzukommen, sei dabei nicht einfach gewesen. „Das war wirklich harte Arbeit“, sagte Eder. Es habe viel Geduld, Reden und Präsenz vor Ort erfordert. Trotz seiner eigenen Haltung als gebürtiger Göhrener, sei er jedem Menschen offen gegenübergetreten. Davon profitiert der Film, denn der Zuschauer kann sich anhand der Menschen auf beiden Seiten des Konflikts selbst ein Urteil bilden.

Zum Ende des Films spitzt sich der Konflikt zu und sorgt für ungeahnte Spannung. „Das habe ich nicht kommen sehen“, sagte Eder. „Aus Filmemacher-Sicht hätte ich mir die Dramaturgie fast nicht besser ausdenken können. Das war einfach dokumentarisches Glück.“