Gesundheit

Wissenschaftlicher Beirat sieht Schwächen im Frühwarnsystem

Nicht alles, was im vergangenen Jahr im Kampf gegen die Pandemie sinnvoll war, muss es auch jetzt noch sein, argumentiert der Wissenschaftliche Beirat und fordert einen Paradigmenwechsel. Doch er zeigt auch Schwächen aktueller Regelungen auf.

Von dpa 02.09.2021, 13:57 • Aktualisiert: 03.09.2021, 22:45

Erfurt - Das aktuelle Corona-Frühwarnsystem warnt nach Ansicht des Wissenschaftlichen Beirats Thüringen nicht früh genug vor einer Überlastung des Gesundheitssystems. Das Frühwarnsystem habe „die Schwäche, dass es die frühe Warnung vor einer eskalierenden Situation in den Krankenhäusern nicht ermöglicht“, heißt es in einer Aktualisierung der Herbstempfehlungen des Beirats, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Demnach sei eine Sieben-Tage-Inzidenz ohne Rücksicht auf Alter und Impfstatus der Menschen kein entscheidender Hinweis (Indikator) auf eine hohe Belegung von Krankenhausbetten. Und eine Inzidenz zur Belegung von Krankenhausbetten sei ohne Altersangaben und Impfstatus kein Anzeichen für eine erwartete Belegung von Intensivstationen.

„Für eine frühe Warnung vor der Belastung des Gesundheitssystems sollte die Inzidenz mit Alter und Impfstatus für eine Vorhersage der Hospitalisierung genutzt werden - und diese wiederum für eine Vorhersage der Intensivauslastung“, heißt es in dem neuen Bericht, der Ende August erstellt wurde.

Als Problem sieht der Beirat unter anderem, dass mit dem bestehenden System bei einer drohenden Überlastung des Gesundheitssystems nur zu langsam gegengesteuert werden könne.

Das Thüringer Gesundheitsministerium wies darauf hin, dass Grundlage für das Frühwarnsystem ein Papier der Arbeitsgemeinschaft Infektionsschutz der Länder sei, das gemeinsam mit dem Robert Koch-Institut erarbeitet worden sei. „Die Gesamtinzidenz auf Basis der Fälle infizierter, aber nicht zwingend erkrankter Personen, ist der zeitlich früheste Indikator für eine zunehmende Verbreitung des Virus in der Bevölkerung“, heißt es in diesem Papier.

„Leider hat der Wissenschaftliche Beirat in den letzten Wochen keinen eigenen Vorschlag für ein Thüringer Indikatorensystem vorgelegt“, erklärte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Man nehme die „nachträgliche Kritik an unserer auf bundesweit abgestimmten Positionen beruhenden Entscheidung“ daher zur Kenntnis.

Seit dem 23. August gilt in Thüringen ein neues Frühwarnsystem: Bei regional steigenden Infektionszahlen entscheidet neben der Inzidenz auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen in einer Region sowie die thüringenweite Auslastung der Intensivstationen.

Dafür gibt es ein Ampelsystem mit drei Warnstufen. Die höchste Stufe Drei greift zum Beispiel bei einer Sieben-Tage-Inzidenz über 200, einem Anteil von über zwölf Prozent Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen und mehr als zwölf Prozent Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner.

Generell sieht der Beirat mit Blick auf die fortschreitende Impfkampagne die Zeit für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit der Pandemie gekommen. Alle Menschen über zwölf Jahren hätten die Möglichkeit sich mit einer Impfung gegen das Coronavirus zu schützen, heißt es in dem Bericht. „Damit haben wir eine grundlegend veränderte Situation für die Bewertung der Maßnahmen in der Pandemie.“

Zuvor hatte bereits Bildungsminister Helmut Holter (Linke) für seinen Bereich von einem Paradigmenwechsel gesprochen und sich in seinen Entscheidungen für eine Teststrategie an Schulen teils auf die Empfehlungen des Beirats bezogen.

Auch in der aktualisierten Herbstempfehlung spricht sich der Beirat gegen anlasslose Corona-Testungen und auch gegen Quarantänemaßnahmen für Kinder aus. Grund: „Im Gegensatz zu Erwachsenen erkranken Kinder und Jugendliche aber sehr selten schwer“, heißt es im Bericht. Da sich Erwachsene impfen lassen können, seien Testungen von Kindern ohne Symptomen „nicht mehr gut zu begrüßen“.