137000 Menschen in der Bundesrepublik zahlen Gesundheitsleistungen selbst / Ständige Angst vor der nächsten Arztrechnung

Leben ohne Krankenversicherung ist Kreislauf aus Armut und Scham

Erst vergangene Woche saß wieder ein solcher Fall bei Petra Tiarks-Jungk im Behandlungszimmer. Die Ärztin hilft in der "Humanitären Sprechstunde" im Frankfurter Gesundheitsamt Menschen ohne Krankenversicherung. Zu ihr kommen Illegale, Obdachlose, Sinti und Roma, Migranten, aber auch Deutsche ohne Versicherungsschutz sind darunter.

Selbständige und Arbeitslose besonders häufig betroffen

Nicht krankenversichert waren 2011 in Deutschland 137000 Menschen. Das sind 0,2 Prozent der Bundesbürger, wie das Statistische Bundesamt Anfang dieser Woche berichtete. Selbstständige und Erwerbslose waren besonders häufig nicht krankenversichert. Von ihnen hatten jeweils rund 0,8 Prozent kein Versichertenkärtchen. "Damit waren diese beiden Personengruppen in etwa viermal so häufig ohne Krankenversicherungsschutz wie die Bevölkerung insgesamt", rechnet Destatis-Mitarbeiter Robert Herter-Eschweiler vor.

Die Zahl der Nicht-Krankenversicherten schrumpft allerdings deutlich - um 30 Prozent ist sie seit 2007 gesunken. Der Grund: Die Gesundheitsreform verpflichtete die privaten Krankenversicherungen damals dazu, ab 2009 einen sogenannten Basistarif anzubieten. Die Schmalspurversicherung darf nicht mehr kosten als der Höchstbeitrag bei den gesetzlichen Versicherungen - 2012 sind das laut Bundesgesundheitsministerium 593 Euro pro Monat.

Privatversicherungen müssen Rückkehrer aufnehmen

9300 Menschen, die vorher nicht versichert waren, haben nach Zählung des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV) seither von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Nicht alle Rückkehrer wählen den Basistarif, manche schließen auch eine normale private Versicherung ab, wie viele ist nicht bekannt.

Dass es eine "Rettungsleine" für Menschen gibt, die sonst keine Chance auf Krankenversicherungsschutz hätten, finden die privaten Versicherer gut. Betriebswirtschaftlich aber rechnen sich diese Neukunden nicht, wie PKV-Sprecher Stephan Caspary erklärt.

Die gesetzlichen Kassen haben es besser: Sie dürfen zwar niemanden wegen seines schlechten Gesundheitszustands ablehnen, aber sie müssen keinen aufnehmen, der zuvor privat versichert war. "Ein Rückkehrrecht gibt es nur in die jeweils letzte Versicherung", erklärt Ann Marini vom GKV-Spitzenverband.

Und so kann es sein, dass immer noch Menschen ohne Versichertenkarte in der Sprechstunde von Frau Dr. Tiarks-Jungk sitzen. Der Mann, der vergangene Woche da war, hatte nach der Pleite seiner Schreinerei Privatinsolvenz angemeldet. Ins Krankenhaus traute er sich nicht, schon die letzte Rechnung dort hatte er nicht bezahlen können.

Obwohl für Bedürftige der Basistarif noch mal halbiert wird, hatte der 60-Jährige keinen Vertrag abgeschlossen. "Aus Scham", vermutet die Ärztin. "Der Mann hatte früher gut verdient, es war ihm peinlich." Heute zögert er jeden Arztbesuch so lange hinaus, bis es gar nicht mehr geht - aus Angst vor der Rechnung. (dpa)