Homosexualität

125 Mitarbeiter der katholischen Kirche outen sich als queer

In der katholischen Kirche kann es einen den Job kosten, wenn man sich zu einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft bekennt. Dagegen protestieren jetzt queere Beschäftigte - es scheint sich was zu tun.

Von Christoph Driessen, dpa 24.01.2022, 03:48
Kann die katholische Kirche toleranter werden?
Kann die katholische Kirche toleranter werden? Oliver Berg/dpa

Berlin/Hamm - In einer bisher beispiellosen Aktion haben sich 125 Priester und andere Beschäftigte der katholischen Kirche als queer geoutet und ein Reform des Arbeitsrechts gefordert.

„Die Gemeindereferentin, die ihre Freundin heiraten will, verliert ihren Job“, sagte Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm der Deutschen Presse-Agentur. Das könne im Jahr 2022 unmöglich so bleiben.

Als queer bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

„Für eine Kirche ohne Angst“

Die Aktion mit dem Namen „#OutInChurch Für eine Kirche ohne Angst“ fand am Montag viel Zustimmung. „Was für ein Mut!“, twitterte Sven Lehmann (Grüne), der Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Carolin Kebekus zeigte sich ebenfalls begeistert: „Diese tolle Initiative hat mich so ins Herz getroffen“, sagte die Komikerin, die sich in ihren Sendungen oft mit der Kirche beschäftigt, der Deutschen Presse-Agentur. „Wie viele Menschen für die Kirche tätig sind und in ständiger Angst leben müssen, von ihr sanktioniert zu werden, lässt einen erneut fassungslos zurück.“ Die Initiative zeige aber auch, dass es mittlerweile innerkirchliche Institutionen gebe, „die absolut bereit sind für eine Modernisierung, Reformen wollen und dies auch öffentlich kundtun.“

„Wie viele Menschen für die Kirche tätig sind und in ständiger Angst leben müssen, von ihr sanktioniert zu werden, lässt einen erneut fassungslos zurück. Sie zeigt aber auch: Es gibt mittlerweile innerkirchliche Institutionen, die absolut bereit sind für eine Modernisierung, Reformen wollen und dies auch öffentlich kundtun.“

Auch einzelne Bischöfe stellten sich hinter die Aktion. „Eine Kirche, in der man sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss, kann nach meinem Dafürhalten nicht im Sinne Jesu sein“, sagte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße.

Der als Reformer bekannte Bischof von Aachen, Helmut Dieser, forderte als erster katholischer Oberhirte ein Schuldbekenntnis seiner Kirche gegenüber Homosexuellen: Sie seien durch die Kirche „abgewertet und kriminalisiert“ worden. „Hier ist auch ein Schuldbekenntnis fällig“, sagte Dieser der „Kölnischen Rundschau“. „Daran arbeiten wir.“

Katholisches Arbeitsrecht wird überarbeitet

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte der Deutschen Presse-Agentur, das kirchliche Arbeitsrecht könnten die deutschen Bischöfe eigenverantwortlich ändern, ohne dass dafür der Vatikan seine Zustimmung geben müsse. Tatsächlich werde das katholische Arbeitsrecht aktuell überarbeitet. „Mehrheitlich wünschen die Bischöfe und vor allem die übergroße Zahl der Generalvikare, die täglich mit der Untauglichkeit dieses Rechts zu kämpfen haben, dass sämtliche Loyalitätsobliegenheiten, die die persönliche Lebensführung betreffen, ersatzlos gestrichen werden“, sagte Schüller. „Ich begrüße diese Entwicklung.“

Die einseitige Ausrichtung der katholischen Kirche auf heterosexuelle Ehen hatte bisher oft ein jahrzehntelanges Versteckspiel zur Folge. Davon kann zum Beispiel Monika Schmelter (65) aus Lüdinghausen im Münsterland erzählen. Sie hat die Beziehung zu ihrer heutigen Frau 40 Jahre verheimlicht, weil sie selbst bei der Caritas arbeitete und ihre Partnerin Religionslehrerin war. Sie hätten beide lange Anfahrtswege zu ihrer Arbeit in Kauf genommen, um nicht entdeckt zu werden, sagte Schmelter der Deutschen Presse-Agentur. Auch an ihrem Wohnort seien sie immer nur „dezent“ aufgetreten - nie als Liebespaar. „Das war sehr belastend.“

Als es irgendwann doch durchgesickert sei und sie sich ihrem Chef anvertraut habe, sei von dem die Ansage gekommen: „Wenn ich das weiter geheim halte, dann kann ich meinen Job behalten. Aber wenn ich das an meinem Dienstort offen gemacht hätte, hätte das zu meiner Kündigung geführt.“

2019 ging Monika Schmelter in Rente, ein Jahr später heirateten sie und ihre Partnerin Marie Kortenbusch. Jetzt wollen sich beide dafür einsetzen, dass anderen ein solcher Leidensweg erspart bleibt. Die Gelegenheit dafür erscheint ihnen günstig: „Die Kirche steht mächtig unter Druck, besonders seit der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens“, sagt Monika Schmelter. „Die können sich eigentlich keinen weiteren Skandal leisten.“