Brasilien

Der große Umarmer: Lulas holpriger Weg ins Präsidentenamt

Vom armen Jungen zum Präsidenten, aus dem Knast wieder in den Regierungspalast? Lula hat eine beispiellose Karriere hingelegt. Nun könnte Brasiliens Linken-Ikone eine historische dritte Amtszeit erringen.

Von Martina Farmbauer und Denis Düttmann, dpa Aktualisiert: 03.10.2022, 14:27
Luiz Inacio Lula da Silva umarmt seine Frau Rosangela.
Luiz Inacio Lula da Silva umarmt seine Frau Rosangela. Andre Penner/AP/dpa

São Bernardo do Campo - Nach seiner Stimmabgabe in São Bernardo do Campo, wo er als Gewerkschaftsführer einst seine politische Karriere begann, küsst Lula den Wahlzettel. „Vor vier Jahren war ich am Wahltag gefangen. Nun bin ich in Freiheit, wähle und habe die Möglichkeit, wieder Präsident dieses Landes zu werden“, sagt der brasilianische Ex-Präsident. Der Triumphzug, auf den alle Umfragen zuletzt hingedeutet hatten, bleibt der so populären wie umstrittenen Ikone der Linken allerdings verwehrt.

Nur knapp gewinnt Luiz Inácio Lula da Silva am Sonntag die erste Runde der Präsidentenwahl in Brasilien. Der frühere Staatschef (2003-2010) kommt auf 48,28 Prozent der Stimmen. Der rechte Amtsinhaber Jair Bolsonaro erhält 43,32 Prozent. Weil keiner der Kandidaten über 50 Prozent der Stimmen holt, treten Lula und Bolsonaro nun am 30. Oktober in einer Stichwahl gegeneinander an. In den Umfragen lag Lula zuletzt zweistellig vorn. Nach Einschätzung von Experten bekannten sich viele Befragte nicht zu ihren tatsächlichen Favoriten oder entschieden sich erst am Wahltag.

„Ich habe immer daran geglaubt, dass wir diese Wahl gewinnen werden. Das ist für uns nur eine Verlängerung“, sagt Lula nach der Bekanntgabe der Ergebnisse. „Zum Missfallen einiger habe ich jetzt weitere 30 Tage, um Wahlkampf zu machen. Ich liebe Wahlkampf und ich beginne morgen damit.“

Haftstrafe verhinderte Wahlteilnahme

Trotz des Rückschlags im ersten Wahlgang ist Lulas Comeback eine erstaunliche Wendung. Vor vier Jahren saß er noch wegen Korruption und Geldwäsche verurteilt hinter Gittern. Auch damals führte er in den Umfragen, konnte wegen seiner Haftstrafe aber nicht an der Präsidentenwahl teilnehmen. Später wurde das Urteil aus formalen Gründen kassiert. Lula kam frei und startete im Rentenalter noch einmal durch.

„Lula ist ein Phänomen“, sagt Luiz Antonio Carvalho, Weggefährte der ersten Stunde bei der Arbeiterpartei PT, der Deutschen Presse-Agentur. „Kaum jemand kennt das Leben in Brasilien so wie er.“ Der heute 76-Jährige war erst Schuhputzer, dann Gewerkschaftsführer, und schaffte es schließlich in den Präsidentenpalast. Während seiner Amtszeit von 2003 bis 2010 modernisierte der „Präsident der Armen“ die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas und verbesserte die Lebensbedingungen von Millionen armer Brasilianer mit dem Programm „Fome Zero“ (Null Hunger) und der Familiensozialhilfe.

Viele seiner Anhänger verbinden Lula noch immer mit diesen goldenen Zeiten Brasiliens. „Im Wahlkampf hat er vor allem auf Nostalgie gesetzt“, sagt der Politikwissenschaftler Mauricio Santoro von der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro der dpa. Der charismatische Politiker galt lange Zeit als Lichtgestalt der lateinamerikanischen Linken. Der damalige US-Präsident Barack Obama würdigte ihn einmal als „beliebtesten Politiker der Welt“. Allerdings blühte während seiner Regierungszeit auch die Korruption. In der Mittel- und Oberschicht herrscht tiefes Misstrauen gegen die Linken, die sich in den Boomjahren die Taschen füllten. In Brasilien selbst ist Lula unter anderem deshalb umstritten.

Lula nannte Bolsonaro Völkermörder

Die Wahl hat das Land extrem polarisiert, aus politischen Gegnern wurde erbitterte Feinde. Lula nannte Bolsonaro wegen dessen zögerlicher Corona-Politik einen Völkermörder, Bolsonaro schimpfte seinen Kontrahenten nach dessen Verurteilung wegen Korruption einen Dieb. In den vergangenen Monaten wurden mindestens drei Lula-Anhänger von mutmaßlichen Bolsonaro-Fans getötet. Die Unterstützer des Amtsinhabers forderten bereits vor der Wahl immer wieder unverhohlen einen Militärputsch gegen das Parlament und die Justiz, die Bolsonaro öfter in die Schranken wiesen.

„Die Mehrheit der Gesellschaft will keine Konfrontation, sie will Frieden“, sagt Lula am Sonntag nach der Stimmabgabe. „Wenn die Leute sich nicht daran halten wollen und das Gesetz missachten, dann ist das ihr Problem. Aber ich denke, es wird uns leicht fallen, Demokratie und Frieden in diesem Land wiederherzustellen.“

Um in der Stichwahl gegen Bolsonaro zu bestehen, muss Lula nun vor allem das Vertrauen der Unentschiedenen in der Mitte zurückerlangen. Als großer Umarmer setzt er auf ein breites Bündnis gegen den rechten Scharfmacher Bolsonaro, der auch wegen seiner rücksichtslosen Corona-Politik und seines häufig vulgären Benehmens an Unterstützung verloren hat. Mit seinem früheren Kontrahenten Gerardo Alckmin als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten hat Lula einen Vertreter des bürgerlichen Lagers ins Boot geholt.

Dem moderaten Alckmin wird auch zugetraut, im Falle eines Wahlsiegs von Lula in der Stichwahl im politischen Brasília Mehrheiten zu organisieren. Viele Gefolgsleute von Bolsonaro zogen bei der Wahl am Sonntag in den Kongress ein. Und ohne den „Centrão“ - eine Ansammlung kleiner und kleinster Parteien, die sich häufig im Gegenzug für politische Unterstützung Ämter und Posten sichern, kann in Brasília ohnehin kaum jemand regieren. Auch Lula nicht.