Afghanistan

US-Evakuierungsflüge aus Kabul enden nicht in 36 Stunden

Noch immer stehen Menschen um den Flughafen von Kabul und hoffen auf Ausreise. Mehrere Länder haben ihre Evakuierungen bereits beendet. Auch die Bundeswehr lässt nur noch ein paar Maschinen starten.

Von dpa
US-Fallschirmjäger der 82nd Airborne Division auf dem Flughafen in Kabul.
US-Fallschirmjäger der 82nd Airborne Division auf dem Flughafen in Kabul. --/Department of Defense via AP/dpa

Kabul/Berlin - Das US-Verteidigungsministerium ist Befürchtungen entgegengetreten, die Evakuierungsflüge der USA am Flughafen in Kabul könnten bereits mehrere Tage vor dem geplanten Abzug der amerikanischen Truppen enden.

„Die Evakuierungsoperationen in Kabul werden nicht in 36 Stunden abgeschlossen sein“, schrieb Pentagon-Sprecher John Kirby am Donnerstag auf Twitter. Die USA wollten bis zum Ende der Mission weiter „so viele Menschen wie möglich evakuieren“. Bis zum Monatsende am kommenden Dienstag wollen die USA ihre Truppen aus Kabul abziehen.

Unter Warnungen vor Terroranschlägen in der afghanischen Hauptstadt Kabul steuern die militärischen Rettungsflüge von dort auf ein Ende zu. Die Bundeswehr flog am Donnerstag mit einem ihrer letzten Evakuierungsflüge 150 weitere Menschen aus.

Belgien, Dänemark und Polen stellten die Evakuierungen bereits ein, die Niederlande planten das noch für Donnerstag, Frankreich für Freitag. Der Andrang am Flughafen stieg noch einmal, wie ein Augenzeuge der Deutschen-Presse Agentur berichtete. Die Menschen stünden an einem Tor „so eng aneinander wie Ziegel einer Mauer“, es gehe keinen Meter voran.

Die deutsche Botschaft in Afghanistan und andere Stellen warnen aktuell vor Terrorgefahr rund um den Flughafen. Die US-Botschaft forderte US-Bürger, die sich derzeit am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, dazu auf, das Gebiet „sofort“ zu verlassen. Großbritanniens Staatssekretär im Verteidigungsministerium, James Heappey, sprach im TV-Sender Sky News von der Drohung eines „ernsthaften, unmittelbaren, tödlichen Angriffs“ binnen Stunden auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren.

Bundeswehr soll bis Freitag weitgehend abziehen

Die Bundeswehr wollte am Donnerstag mit vier Flugzeugen Menschen aus Kabul ausfliegen. Bis Freitag sollten auch deren militärische Kräfte nach dpa-Informationen weitgehend abgezogen sein. Die Bundeswehr hat in anderthalb Wochen mehr als 5300 Menschen evakuiert, darunter mehr als 500 Deutsche. „Wir evakuieren bis zur letzten Sekunde“, schrieb das Verteidigungsministerium auf Twitter. Der Einsatz wird nach dpa-Informationen ohne Unterbrechung auch von einem Team des Bundesnachrichtendienstes (BND) in Kabul unterstützt.

Die Bundesregierung will sich nach den Worten von Innenminister Horst Seehofer auch nach dem Ende der militärischen Evakuierung um die rasche Aufnahme von ehemaligen Ortskräften und anderen besonders schutzbedürftigen Menschen aus Afghanistan bemühen. „Das Wichtigste sind die Gespräche mit den Taliban, dass die Menschen sicher ausfliegen können“, sagte der CSU-Politiker nach einer Sitzung des Innenausschusses des Bundestages in Berlin.

Seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban versuchen Tausende Menschen, aus Afghanistan zu fliehen. Seit mehr als einer Woche versammeln sie sich rund um verschiedene Eingänge des Flughafens, um auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Im übermittelten Video eines Augenzeugen sieht man in der prallen Sonne Menschen mit Dokumenten in der Hand winken. In der Menge sind auch Kinder und Frauen zu sehen, man hört Babys weinen.

USA haben rund 95.000 Menschen ausgeflogen

In den Endzügen der Evakuierungsmission sind binnen 24 Stunden erneut mehr als 13.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen worden. Das Weiße Haus teilte am Donnerstag mit, zwischen dem frühen Mittwochmorgen und dem frühen Donnerstagmorgen habe das US-Militär rund 5100 Menschen außer Landes gebracht, Flugzeuge von Verbündeten wiederum hätten im gleichen Zeitraum rund 8300 Menschen evakuiert. Seit dem Start des Evakuierungseinsatzes Mitte August hätten die Vereinigten Staaten und ihre Partner insgesamt mehr als 95.000 Menschen ausgeflogen.

Der letzte belgische Flug verließ Kabul am Mittwochabend, wie Premierminister Alexander de Croo mitteilte. Polen flog insgesamt 1300 Menschen aus, 200 davon auf Bitten anderer Länder und Organisationen, wie Vize-Außenminister Marcin Przydacz in Warschau sagte. Dänemarks Verteidigungsministerin Trine Bramsen sagte zum Ende der dänischen Mission, Flüge aus Kabul seien „nicht mehr sicher“.

Vorwürfe gegen afghanische Armee

Der Inspekteur des Deutschen Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, machte die afghanische Armee für den Vormarsch der Taliban mitverantwortlich. Dieser warf er im Gespräch mit der „Rhein-Zeitung“ Korruption, Vetternwirtschaft und Führungsversagen vor. Man habe die Bereitschaft dieser Soldaten überschätzt beim Kampf für einen Staat, der mit internationaler Unterstützung entstanden sei.

Die Balkanländer Albanien und Kosovo erklärten ihre Bereitschaft, tausende Afghanen zumindest vorübergehend aufzunehmen. Albanien werde etwa 4000 Menschen, die als sogenannte Ortskräfte für die Nato-Mission in Afghanistan tätig gewesen seien, sowie ihren Angehörigen Aufenthalt gewähren. Das erklärte Ministerpräsident Edi Rama dem US-Nachrichtensender CNN. Auch das Kosovo will 2000 evakuierte Afghanen aufnehmen. Das Nato-Mitglied Albanien beteiligte sich mit einem kleinen Kontingent am Afghanistan-Einsatz des Westens.

Ein Evakuierungsflugzeug der Bundeswehr aus Kabul erreicht den Flughafen im usbekischen Taschkent.
Ein Evakuierungsflugzeug der Bundeswehr aus Kabul erreicht den Flughafen im usbekischen Taschkent.
Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa
Ein Bundeswehrsoldat trägt ein Kleinkind über den Flughafen von Taschkent.
Ein Bundeswehrsoldat trägt ein Kleinkind über den Flughafen von Taschkent.
Marc Tessensohn/Bundeswehr/dpa
Soldaten und Helfer verteilen Spenden an Menschen, die auf dem Flughafen von Kabul auf eine Ausreisemöglichkeit warten.
Soldaten und Helfer verteilen Spenden an Menschen, die auf dem Flughafen von Kabul auf eine Ausreisemöglichkeit warten.
Stfw Schueller/Bundeswehr/dpa
US-Fallschirmjäger sichern den Flughafen.
US-Fallschirmjäger sichern den Flughafen.
Sgt. Jillian G. Hix/U.S. Army via AP/dpa
Rund um den Flughafen Kabul soll die Lage weiter chaotisch sein. Hier ist einer der Zugänge zu sehen, der von internationalen Truppen kontrolliert wird.
Rund um den Flughafen Kabul soll die Lage weiter chaotisch sein. Hier ist einer der Zugänge zu sehen, der von internationalen Truppen kontrolliert wird.
Stfw Schueller/Bundeswehr/dpa