Salisbury (dpa) l Der britische Außenminister Boris Johnson hat eine „angemessene und robuste Reaktion“ angekündigt, sollte sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus in der mysteriösen Erkrankung eines russischen Ex-Spions in England erhärten. „Ich sage zu Regierungen in der ganzen Welt, dass kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, ohne Sanktionen oder ungestraft bleiben wird“, betonte Johnson bei einer dringlichen Fragestunde am Dienstag im britischen Parlament in London. Noch gebe es zwar keine Beweise, dass Russland seine Hand im Spiel habe, doch der Fall erinnere an den Giftmordanschlag auf den Ex-Spion und Kremlkritiker Alexander Litwinenko im Jahr 2006.

Johnson bestätigte, dass es sich bei dem am Sonntag mit Vergiftungserscheinungen in ein Krankenhaus im englischen Salisbury eingelieferten Mann um den früheren Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal, handelt. Der 66-Jährige war in Russland als britischer Spion verurteilt und bei einem Austausch 2010 freigelassen worden. In der größten Austauschaktion seit den Zeiten des Kalten Krieges war er aber eine Randfigur.

Mit ihm wurde eine junge Frau vergiftet. Die beiden hatten zuvor offenbar eine Pizzeria und einen Pub besucht. Nach Angaben von Johnson handelt es sich dabei um seine Tochter Yulia. Beide liegen in „kritischem Zustand“ im Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus, dass sie in Kontakt mit einer „unbekannten Substanz“ gekommen sind.

Russische Regierung ahnungslos

Die Regierung in Moskau dagegen gab sich am Dienstag ahnungslos. „Wir haben keinerlei Informationen“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow und deutete an, sein Land werde zum Opfer von Verschwörungstheorien. Der Verdacht habe „ja nicht lange auf sich warten lassen“.

Schon während seines Militärdienstes soll der ehemalige Doppelagent Skripal vom britischen Geheimdienst angeworben worden sein.

Russische Geheimdienste leben nach der Regel: „Es gibt keine ehemaligen Agenten.“ Präsident Wladimir Putin steht zu seiner Vergangenheit als KGB-Vertreter in Dresden; andere Ex-Agenten sehen sich auch auf neuen Posten in Politik oder Wirtschaft den Interessen ihre Dienstes verpflichtet. Das bedeutet aber auch, dass Verrat, eine Verletzung des Ehrenkodexes nicht vergeben wird. Auch der Ex-FSB-Agent Litwinenko galt in Russland als Verräter.

Ob sich Skripal um seine Sicherheit sorgte, ist ungewiss. Dem „Guardian“ zufolge lebte er unter seinem Klarnamen in Salisbury. Einem Nachbarn zufolge soll er bei seinem Einzug eine Feier für die gesamte Nachbarschaft organisiert haben.