Kopenhagen/Stockholm (dpa) l Diesmal: Helsingborg. Die Polizei wird mitten in der Nacht zu einem Wohnhaus im Osten der schwedischen Stadt gerufen, wo Anwohner eine Explosion gehört haben. Vor dem Haus ist etwas Explosives in die Luft geflogen – was genau, das wisse man noch nicht, sagt eine Polizeisprecherin. Die Detonation hat Fenster zum Bersten gebracht, verletzt wurde aber niemand. Tatverdächtige? Bisher nicht auszumachen, sagt die Sprecherin.

Vor einiger Zeit hätte diese Tat vom vergangenen Sonntag im hohen Norden noch Aufsehen erregt. In den Ohren der Schweden klingt sie mittlerweile aber wie täglich Brot: Seit diesem Sommer kommt es vor öffentlichen und privaten Gebäuden in ihrem Land außergewöhnlich oft zu solchen Vorfällen. Erst am frühen Donnerstagmorgen ereigneten sich innerhalb kurzer Zeit zwei weitere Detonationen – beide Male wieder in Helsingborg, diesmal jeweils vor Mehrfamilienhäusern.

Die vorsätzlich herbeigeführten Explosionen richten Schäden an, aber nur in Ausnahmefällen wie bei einer besonders heftigen Detonation vor einem Mehrfamilienhaus in Linköping im Juni werden Menschen verletzt. Solche Angriffe mit explosivem Material – mal sind es modifizierte Feuerwerkskörper, mal Objekte mit wirklichem Sprengstoff – wurden in Stockholm, Göteborg und Malmö verübt, aber auch in mittelgroßen Städten wie Örebro oder kleineren Orten wie Staffanstorp. Dass nun Helsingborg in dieser Liste auftaucht, verändert am großen Ganzen nichts: Das Muster der Taten bleibt gleich, nur der Schauplatz ändert sich.

Kein Halt vor Grenzen

Das Phänomen macht auch vor Grenzen nicht Halt, das zeigt etwa das Beispiel Kopenhagen: Die dänische Hauptstadt, nur wenige Kilometer westlich von Malmö gelegen, erlebte 2019 bereits 15 Explosionen, am aufsehenerregendsten davon diejenige Anfang August vor der dänischen Steuerverwaltung. Damals rumste es einmal heftig vor dem Gebäude, das nur einen guten Kilometer von der deutschen Botschaft entfernt liegt. Die Folge: erhebliche Schäden an Fassade und Fenstern, eine Person im Freien wurde von Bruchstücken getroffen. Ein Verdächtiger wurde gefasst, nach einem anderen wird international gefahndet – beide sind nach Polizeiangaben junge Männer aus Schweden.

In anderen Fällen wurden auch nach Monaten keine Täter ausgemacht. Die Polizei vermutet die Hintergründe im Bandenmilieu, denn sowohl Schweden – vor allem der Süden des Landes – als auch das dänische Kopenhagen haben ein Problem mit Gangs, die um Einfluss und Herrschaftsgebiete ringen. Wenn die Täter wirklich aus diesen Kreisen stammen, dann scheint es ihnen vor allem um zwei Dinge zu gehen: maximale Aufmerksamkeit und das höchstmögliche Maß an Angst bei ihren Rivalen.

"Wir sehen in der kriminologischen Geschichte, dass solche Sprengstoffanschläge die höchste Form der Aufmerksamkeit bieten. In den letzten 20 Jahren, in denen die Terrorgefahr im öffentlichen Fokus steht, hat das noch einmal zugenommen", sagt der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Martin Rettenberger. Man wolle damit Angst und Schrecken verbreiten und gleichzeitig eigene Machtansprüche unterstreichen. Handele es sich um die Taten von organisierten Gruppen, so wollten diese vor allem eines zeigen, sagt der Kriminologe und Psychologe: "Seht her, wir sind zu allem in der Lage. Und wir treiben die Sicherheitsbehörden vor uns her."

Letztlich könne die Häufung der Explosionen zu einem permanenten Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung führen. "Es gibt überhaupt keine Täter-Opfer-Beziehung. Das heißt, es kann jeden immer treffen", sagt Rettenberger. Er warnt zugleich davor, der scheinbar zufälligen Wahl der Angriffsziele – ein Privathaus hier, eine Polizeiwache dort und eine Steuerbehörde da – vorschnell auf den Leim zu gehen. Manche Orte könnten symbolisch stehen für staatliche Institutionen.

162 Sprenungen in 2018

2018 gab es in Schweden nach Regierungsangaben 306 Schießereien und 162 Sprengungen jeglicher Art, dieses Jahr dürften diese Zahlen noch höher ausfallen. Das nach solchen Vorfällen eingeschaltete nationale Bombeneinsatzkommando hat nach Einschätzung schwedischer Medien 2019 so viel zu tun wie nie zuvor und hofft auf personelle Aufstockung.

Und selbst Schwedens König Carl XVI. Gustaf ist beunruhigt: "Die Besorgnis, die solche Taten bei der Öffentlichkeit hervorrufen, wird von mir und meiner Familie geteilt", erklärte der Monarch Ende August nach einem Treffen mit Spitzenvertretern der Polizei. Kurz zuvor waren in Malmö und Stockholm gleich zwei Frauen innerhalb weniger Tage erschossen worden. Zuletzt kam es rund um Stockholm Mitte Oktober zu gleich drei Explosionen – in einer einzigen Nacht.

Sowohl die schwedische als auch die dänische Regierung steuern nun gegen. Beide haben im Sommer Maßnahmenkataloge vorgestellt, mit denen die Sicherheit im öffentlichen Raum verbessert werden soll. Schwedens Innenminister Mikael Damberg stellte im September 34 Vorschläge im Kampf gegen die Bandenkriminalität vor, mit ihnen befasst sich nun das schwedische Parlament. Sprengstoffdelikte sollen demnach unter anderem mit höheren Strafen geahndet werden. "In Schweden sollen alle sicher sein, egal wo man wohnt", erklärte die Regierung dazu.

Dänemark führt zum 12. November vorübergehende Kontrollen an der Grenze zu Schweden ein – jenseits der Öresundbrücke wittern die Dänen die kriminelle Gefahr. Erst am Dienstag machte Regierungschefin Mette Frederiksen nach einem Treffen mit ihrem schwedischen Kollegen Stefan Löfven klar: "Wir werden nicht akzeptieren, dass sich organisierte Kriminelle über den Öresund bewegen – weder in die eine noch in die andere Richtung." Deshalb solle die Zusammenarbeit mit den Schweden ausgeweitet werden.

Nachahmer auch in Deutschland?

Ob sich das skandinavische Problem eines Tages weiter gen Süden bis nach Deutschland ausbreitet, ist nach Einschätzung von Rettenberger ungewiss. Das Bundeskriminalamt schließt nicht grundsätzlich aus, dass sich Kriminelle die Angriffe in Schweden und Dänemark zum Vorbild nehmen könnten. Anders als in Skandinavien sei die Verwendung von Sprengstoff bei Auseinandersetzungen im kriminellen Milieu in Deutschland aber eher unüblich, teilte das BKA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Man stehe mit den zuständigen Polizeistellen im Ausland in Kontakt.