Teheran/Washington (dpa) – Ein iranischer Vergeltungsangriff auf US-Soldaten im Irak schürt die Angst vor einer weiteren Eskalation und einem möglichen neuen Krieg im Nahen Osten. Das Pentagon bestätigte Attacken auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil in der Nacht zum Mittwoch. Der Iran bezeichnete die Raketenangriffe als "Akt der Selbstverteidigung" nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag. Kurz darauf stürzte nahe Teheran ein ukrainisches Passagierflugzeug mit über 170 Insassen ab, die Rettungskräften zufolge allesamt ums Leben kamen. Ob es einen direkten Zusammenhang mit der militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran gibt, ist noch offen.

Die Lage am Persischen Golf ist extrem angespannt, seit die USA den ranghohen Militärstrategen Soleimani vergangene Woche bei einem Drohnenangriff in der irakischen Hauptstadt Bagdad gezielt töteten. US-Präsident Donald Trump drohte den Iranern danach mit drastischen Konsequenzen im Falle eines Gegenangriffs.

Trump kündigt Stellungnahme an

Nach den Raketenangriffen aus der Nacht äußerte sich Trump zunächst nicht dazu, wie die USA darauf reagieren würden. Stattdessen schrieb er auf Twitter "Alles ist gut!" und kündigte eine Stellungnahme am Mittwochmorgen (Ortszeit) an. Derzeit würden mögliche Opfer und Schäden bewertet, fügte er hinzu. Und: "Wir haben das stärkste und am besten ausgestattete Militär überall auf der Welt, bei weitem!". Zuvor hatte er seine wichtigsten Minister zu einer Krisensitzung im Weißen Haus empfangen. Nach dem verheerenden Flugzeugabsturz, der laut der iranischen Luftfahrtbehörde auf einen technischen Defekt zurückgehen soll, äußerte sich Trump nicht mehr öffentlich.

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Die iranischen Revolutionsgarden teilten mit, bei der "Operation Märtyrer Soleimani" sei der mit 35 Raketen attackierte Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad "vollständig zerstört" worden. Der Angriff mit ballistischen Boden-Boden-Raketen auf die "von den Amerikanern besetzte" Basis sei "in jeder Hinsicht ein voller Erfolg" gewesen.

Im Irak sind auf mehren Stützpunkten rund 5000 US-Soldaten stationiert, die das internationale Militärbündnis gegen die Terrormiliz IS anführen. "Diese Stützpunkte sind wegen Hinweisen auf geplante Angriffe des iranischen Regimes auf unsere Truppen und Interessen in der Region in hoher Alarmbereitschaft gewesen", hieß es aus dem US-Verteidigungsministerium.

Bezug auf Selbstverteidigungsrecht

Die erste offizielle Stellungnahme der iranischen Regierung nach den Angriffen kam von Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. "Wir streben nicht nach einer Eskalation oder Krieg, aber wir werden uns gegen jede Aggression verteidigen", schrieb er auf Twitter. Der Iran habe "verhältnismäßige Maßnahmen zur Selbstverteidigung ergriffen und abgeschlossen". Sarif bezog sich dabei auf Artikel 51 der UN-Charta – dieser beschreibt das Recht auf Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ein Mitgliedsland der Vereinten Nationen.

Zwar hatten vom Iran unterstützte schiitische Milizen die US-Stützpunkte im Irak zuletzt häufiger mit technisch einfacheren Raketen angegriffen. Ein direkter Angriff aus dem Iran markiert jedoch eine neue Eskalationsstufe im Konflikt mit den USA.

Der einflussreiche US-Senator und Trump-Verbündete Lindsey Graham sprach von einem "kriegerischen Akt" des Irans. Die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, warnte vor einer kriegerischen Eskalation: "Amerika und die Welt können sich keinen Krieg leisten", mahnte die ranghöchste Trump-Kritikerin in der Kongresskammer.

USA sollen Truppen abziehen

Die Revolutionsgarden warnten direkt nach den Attacken den "großen Satan" USA vor Gegenangriffen. Jede US-Reaktion werde mit einer härteren Reaktion erwidert, teilte die Eliteeinheit der iranischen Streitkräfte in einer Presseerklärung mit. Außerdem sollten die Verbündeten der USA wissen, dass auch ihre den Amerikanern zur Verfügung gestellten Stützpunkte Ziel iranischer Angriffe werden könnten, falls von dort aus Angriffe auf den Iran erfolgen sollten, hieß es in der Erklärung weiter. Die USA sollten ihre Truppen abziehen, damit deren Leben nicht gefährdet werde.

Den in Erbil stationierten deutschen Bundeswehr-Kräften ist einem Sprecher zufolge nichts passiert. "Den Soldaten geht es gut", sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur. Zu den weiteren Folgen der Raketenangriffe konnte der Bundeswehrsprecher keine Angaben machen. Im Zentral-Irak sind nach dem jüngsten Abzug keine deutschen Soldaten mehr stationiert. Im nordirakischen Kurdengebiet sind noch mehr als 100 deutsche Soldaten im Einsatz. Sie haben ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft.

Mitten in die militärische Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran platzte die Nachricht von dem Absturz der Linienmaschine, die kurz nach dem Start Richtung Kiew in ein offenes Feld nahe dem Teheraner Hauptstadtflughafen krachte. Alle 179 Passagiere und Crewmitglieder seien ums Leben gekommen, meldete das iranische Staatsfernsehen, das direkten Kontakt zu den Rettungskräften und der Luftfahrtbehörde hatte. Bis auf 32 Ausländer seien alle Opfer Iraner. Wie die Luftfahrtbehörde schon kurz nach dem Absturz zum Schluss eines Technikfehlers als Ursache kam, blieb zunächst offen.

Nutzung des Luftraums untersagt

Kurz nach den iranischen Raketenangriffen hatte die amerikanische Luftverkehrsaufsicht FAA US-Flugzeugen die Nutzung des Luftraums über dem Persischen Golf, dem Golf vom Oman, dem Irak und dem Iran untersagt. Die Behörde begründete ihre Anweisung für in den USA registrierte Flugzeuge mit "erhöhten militärischen Aktivitäten und steigenden politischen Spannungen". Es gebe ein erhöhtes Risiko, dass ein Flugobjekt falsch identifiziert werde.

Kurz nach den iranischen Raketenangriffen hatte die amerikanische Luftverkehrsaufsicht FAA US-Flugzeugen die Nutzung des Luftraums über dem Persischen Golf, dem Golf vom Oman, dem Irak und dem Iran untersagt. Die Behörde begründete ihre Anweisung für in den USA registrierte Flugzeuge mit "erhöhten militärischen Aktivitäten und steigenden politischen Spannungen". Es gebe ein erhöhtes Risiko, dass ein Flugobjekt falsch identifiziert werde.