Dublin (dpa) l Papst Franziskus hat bei einem Besuch in Irland die tausendfachen sexuellen Misshandlungen von Kindern durch katholische Geistliche in dem Land scharf verurteilt. „Ich bitte den Herrn inständig um Vergebung für diese Sünden, für den Skandal und Verrat, den so viele in der Familie Gottes empfinden“, sagte das Kirchenoberhaupt am Sonntag bei einem Besuch im Marienwallfahrtsort Knock im Westen Irlands. Die Taten seien eine „offene Wunde“, die die Kirche herausforderten, „fest und entschlossen die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu suchen“.

Worte statt Taten

Irland gehört zu den Staaten, in denen Priester und Ordensschwestern massiv Kinder und Frauen missbrauchten und misshandelten. Kritiker halten dem Pontifex jedoch vor, seinen Worten keine Taten folgen zu lassen. Mit acht ausgewählten Opfern hatte sich Franziskus am Sonnabend getroffen. Darunter auch Marie Collins, die als ehemaliges Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission zu den prominentesten Missbrauchs-Überlebenden zählt. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur kritisierte sie anschließend, dass der Papst keine zusätzlichen Strukturen aufbauen wolle, um die systematische Vertuschung von Missbrauchstaten aufzuarbeiten. „Ich bin enttäuscht über die Weigerung, mehr Rechenschaftsstruktur einzuführen und eine robustere, unabhängigere Struktur“, sagte Collins. Positiv sei dagegen gewesen, dass Franziskus die Vertuschung eindeutig benannt habe.

Den Worten Taten folgen zu lassen, forderte auch Regierungschef Leo Varadkar. Der Papst solle seinen Einfluss nutzen, um für „Gerechtigkeit und Wahrheit“ in den Missbrauchsfällen der katholischen Kirche in Irland und weltweit zu sorgen, sagte Varadkar bei einem Empfang zum Auftakt der Reise am Sonnabend.

Die Vorfälle in Irland sind nur Teil eines weltweiten Problems, mit dem die katholische Kirche zu kämpfen hat. Für Aufsehen gesorgt hatten Mitte August erschütternde Ermittlungsergebnisse in den USA. Laut Staatsanwaltschaft haben sich mehr als 300 katholische Priester im Bundesstaat Pennsylvania in den vergangenen 70 Jahren an Tausenden Kindern vergangen. Franziskus reagierte mit einem Schreiben an alle Katholiken, in dem er den Missbrauch verurteilte.

Auch in Deutschland gibt es Forderungen nach einer besseren Aufarbeitung der Missbrauchsskandale in der Kirche. Die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ fordert dafür eine unabhängige Kommission. „Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen sehr deutlich, die Kirche alleine kann es nicht machen“, sagte Sprecher Christian Weisner der Deutschen Presse-Agentur. Er sprach von der dramatischsten Krise, die die Kirche je erlebt habe.

Kirche verliert an Einfluss

Der letzte Besuch eines Papstes in Irland liegt schon beinahe 40 Jahre zurück. Johannes Paul II. wurde 1979 unter großem Jubel empfangen. Damals war die katholische Kirche dort noch weitgehend unumstritten. Doch das Land hat sich grundlegend verändert.

Erst im vergangenen Mai stimmten die Iren für eine Lockerung des strengen Abtreibungsverbots. Im Jahr 2015 führte Irland als erstes Land der Welt per Volksentscheid die Homo-Ehe ein. Regierungschef Varadkar, der sich offen zu seiner Beziehung mit einem Mann bekennt, sagte kurz vor dem Papstbesuch, er sei froh, dass die katholische Kirche nicht mehr so viel Einfluss in Irland habe.

Der eigentliche Anlass der Reise war das Weltfamilientreffen, das wie der Papstbesuch am Sonntag zu Ende ging. Zur Abschlussmesse am Nachmittag feierte der Pontifex eine Messe unter freiem Himmel mit Hunderttausenden Gläubigen. Zeitgleich fanden auch Mahnwachen für die Opfer von Missbrauch statt.