Washington (dpa) l Wie es um die USA nach vier Jahren Donald Trump bestellt ist, verrät ein Blick auf das Zentrum Washingtons: Straßen sind mit Betonsperren und quergestellten Kipplastern abgeriegelt. Auf dem Fluss Potomac patrouillieren Boote der Küstenwache mit aufmontierten Maschinengewehren. Als Trump-Nachfolger Joe Biden am Mittwochmittag vor dem Kapitol seinen Amtseid als 46. Präsident der Vereinigten Staaten leistet, wird die Polizei von rund 25 000 Soldaten der Nationalgarde unterstützt – zehn Mal so viele US-Soldaten, wie derzeit in Afghanistan im Einsatz sind. Ein weiterer Angriff wie der aufs Kapitol durch Trump-Anhänger sollte mit allen Mitteln verhindert werden.

Vereidigung in der Festung Washington

In der zur Festung ausgebauten US-Hauptstadt wird sich nach Bidens Vereidigung eine Frage nicht stellen: Wie viele Zuschauer sich zur Amtseinführung auf der National Mall versammelten. Der drei Kilometer lange Park zwischen dem Lincoln-Memorial und dem Kapitol war dieses Mal für die Öffentlichkeit gesperrt, hohe Gitterzäune riegelten die Grünfläche ab. Vor vier Jahren führte die Zahl der Zuschauer zu einer der ersten Lügen der Trump-Präsidentschaft: Trump ließ seinen Sprecher Sean Spicer damals verbreiten, nie hätten mehr Menschen einer Amtseinführung beigewohnt. Trump-Beraterin Kellyanne Conway prägte in dem Zusammenhang den Begriff "alternative Fakten".

Trumps Lügen wirken nach

Es war nur ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Mehr als 30 000 falsche oder irreführende Aussagen haben die Faktenchecker der "Washington Post" Trump in seiner einzigen Amtszeit nachgewiesen. Der Republikaner hat die Wahrheit so oft und so tiefgreifend verbogen, dass die Amerikaner inzwischen in zwei verschiedenen Welten zu leben scheinen: Einer realen und einer parallelen, in der Trumps Wort die Wirklichkeit ersetzt. Das hat Konsequenzen über seine Präsidentschaft hinaus: Nach einer Umfrage des Senders CNN glauben immer noch 85 Prozent der Trump-Unterstützer seiner unbelegten Behauptung, dass der Demokrat Biden nicht der legitime Wahlsieger ist.

Biden will mit Vollgas starten

Bidens überragendes Ziel, das gespaltene Land zusammenzuführen, dürfte vor diesem Hintergrund zur Herkulesaufgabe werden. Der 78-Jährige tritt mit dem Versprechen an, so gut wie alles anders zu machen und das Land zurück zur Normalität zu führen. Biden plant für seine ersten 100 Tage eine ganze Phalanx an Entscheidungen, etliche Trump-Maßnahmen sollen rückgängig gemacht werden. Unter anderem will er die USA zurück ins Pariser Klimaschutzabkommen führen. Mit Verbündeten wie Deutschland möchte Biden die Beziehungen wieder kitten. Besonders hohe Priorität soll dem Kampf gegen das Coronavirus eingeräumt werden. Ein Jahr nach der ersten bestätigten Infektion – und am letzten vollen Tag von Trumps Amtszeit – überstieg die Zahl der Pandemie-Toten in den USA am Dienstag die Marke von 400 000.

Berechenbarkeit statt Chaos

Außerdem soll mit Biden ein anderer Stil ins Weiße Haus einziehen: Statt Chaos soll wieder Berechenbarkeit herrschen. Bidens Team kündigte schon fünf Tage vor der Vereidigung an, welche konkreten Maßnahmen der neue Präsident als erstes ergreifen werde – bei Trump kamen weitreichende Entscheidungen oft aus dem Nichts. Die künftige Kommunikationsdirektorin des Weißen Hauses, Kate Bedingfield, warb kürzlich auf Twitter für Bidens offiziellen Präsidenten-Account und versprach zugleich: "Aber Sie müssen auch nicht nachts mit einem Schreck aufwachen, um zu sehen, was dieser Account getwittert hat."

Unruhe unter Trump

Die prominente "New York Times"-Korrespondentin Maggie Haberman sprach am Sonntag im Sender CNN bei einem Rückblick auf die wilden Trump-Jahre von dem "ständigen Gefühl, dass gleich etwas passieren wird". Trump habe mit seinen permanenten Twitter-Nachrichten, seinen vielen Entlassungen, seinen drastischen Kurswechseln und seinen "verhängnisvollen politischen Entscheidungen" für diese Unruhe gesorgt. Eine Zahl verdeutlicht die Dauerspannung der Trump-Ära besser als alles andere: 26 237 Tweets hat er nach einer Statistik des Trump-Twitterarchivs in die Welt geschickt. Mehr als 88 Millionen Follower hatte sein Account @realdDonaldTrump – bis ihn Twitter am 8. Januar dauerhaft blockierte.

Trumps Impeachment

Die Sperre war eine Konsequenz aus dem Sturm aufs Kapitol zwei Tage zuvor. Der Angriff war nicht nur der Tiefpunkt von Trumps Amtszeit, er sicherte dem 74-Jährigen in der Folge auch einen unrühmlichen Eintrag in den Geschichtsbüchern: Trump ist der erste US-Präsident, gegen den gleich zwei Amtsenthebungsverfahren eröffnet wurden. Am Schluss des aktuellen Verfahrens wegen "Anstiftung zum Aufruhr" könnte eine lebenslange Ämtersperre stehen. Eine etwaige Kandidatur Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2024 wäre damit ausgeschlossen.

Schaden für die Marke Trump

Trump dürfte allerdings zunächst andere Sorgen haben, als über eine erneute Kandidatur nachzudenken. Mit seiner Amtszeit endet auch seine Immunität vor Strafverfolgung, und die Stimmen mehren sich, die fordern, ihn für den Sturm aufs Kapitol, seine Versuche der Wahlbeeinflussung und andere mögliche Vergehen vor Gericht zu zerren. Unklar ist auch, wie es um Trumps Finanzen steht. Das Magazin "Forbes" schätzt sein Vermögen zwar immer noch auf 2,5 Milliarden Dollar. Die "New York Times" Times berichtete im Wahlkampf aber auch über persönliche Schulden von mehr als 420 Millionen Dollar.

Klar ist, dass die Marke Trump spätestens mit der Erstürmung des Kapitols durch Trump-Flaggen schwingende Krawallmacher schweren Schaden genommen hat. US-Medien berichteten vergangene Woche, die Deutsche Bank wolle keine neuen Geschäfte mit Trump und seinen Firmen mehr machen. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio kündigte an, die Stadt werde alle Geschäftsbeziehungen zu Trump beenden. Nicht nur finanziell schmerzhaft dürfte für den passionierten Golfer sein, dass der Golfverband PGA seinem Golfkurs in Bedminster ein wichtiges Turnier entzog – ausdrücklich wegen des Angriffs auf das Parlament.

Trump ist verstummt

Dem Frust über seine Demontage hätte Trump früher über Twitter Luft gemacht. Seit ihm sein virtuelles Megafon genommen wurde, ist es still um ihn geworden – auch andere soziale Medien haben ihn gesperrt. Seinen letzten Tweet setzte Trump am 8. Januar um 10.44 Uhr ab. "An alle, die gefragt haben: Ich werde nicht zur Amtseinführung am 20. Januar gehen", schrieb er. Der bislang letzte US-Präsident, der der Vereidigung seines Nachfolgers vor dem Kapitol nicht beiwohnte, war Andrew Johnson im Jahr 1869. Mit ihm verbindet Trump noch etwas: Auch Johnson musste sich einem Amtsenthebungsverfahren stellen – als erster von bislang nur drei US-Präsidenten.