Magdeburg l 500 Jahre rückholbar und eine Million Jahre sicher muss sie gelagert werden – die Hinterlassenschaft deutscher Kernkraftwerke.

Herr König, heute laden Sie zum Info-Abend nach Magdeburg. Kommt das Atommüll-Endlager nach Sachsen-Anhalt?
Wolfram König: Es ist derzeit weder ein Standort im Fokus, noch ist einer ausgeschlossen. Wir gehen von einer weißen Landkarte aus. Seit zwei Jahren werten die Fachleute der Bundesgesellschaft für Endlagerung mbH geologische Daten aus ganz Deutschland aus. 2020 werden sie eine erste Landkarte vorlegen, wo eingezeichnet ist, welche Gebiete weiter untersucht werden sollen und welche von der weiteren Suche ausgeschlossen sind. Dann erst wissen wir, ob Sachsen-Anhalt dabei ist. Derzeit gehen wir in die Landeshauptstädte und informieren über das Suchverfahren, um eine Grundlage für die Bürgerbeteiligung zu schaffen.

Wie geht es nach 2020 weiter?
Danach werden alle verbleibenden Gebiete weiter untersucht und die Zahl der möglichen Standorte immer weiter eingegrenzt. Meine Behörde wacht darüber, dass das Verfahren genauso abläuft, wie es im Gesetz festgelegt ist. Bei allen entscheidenden Schritten können sich die Bürgerinnen und Bürger in das Verfahren einbringen. Über den Standort wird am Ende der Deutsche Bundestag entscheiden.

Wie viel Müll muss dort eingelagert werden?
Es handelt sich um etwa 27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Abfall aus den deutschen Kernkraftwerken. Er steckt in rund 1900 Spezial-Behältern.

Das Volumen erscheint überschaubar: 60 mal 30 mal 15 Meter. Warum packt man es nicht in einen oberirdischen Spezialbunker?
Auch dies wurde in der Endlager-Kommission intensiv diskutiert. Aber diese Spezialbunker müssten absolut sicher sein und Tausende Jahre bewacht werden. Das wäre eine enorme Belastung, die wir an künftige Generationen weitergeben würden. Daher hat man sich für ein Endlager in der Tiefe entschieden – an das man zwar bis zu 500 Jahre herankommen kann, das aber irgendwann auch vergessen werden kann.

Vergessen? Klingt gefährlich.
Was wir als Annahme für die Sicherheitsbewertung zugrunde legen, ist, dass das Wissen um ein derartiges Lager innerhalb weniger hundert Jahre verloren gehen wird. Daher müssen wir eine geologische Formation finden, die mächtig und robust genug ist, um die Sicherheitsanforderungen ohne Überwachung zu erfüllen. Und es muss ein Standort sein, in den keiner mal zufällig hineinbohrt.

Eine Million Jahre – ist das seriös nachweisbar?
Geowissenschaftler können sehr gut in die Vergangenheit schauen und belegen, was in den Jahrmillionen vor uns in der Tiefe passiert ist. Das ist die Basis für Prognosen, wie sich ein Standort für weitere eine Million Jahre entwickeln wird. Das ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode.

Aber was passiert, wenn wir in 100 Jahren viele bessere Entsorgungstechniken haben – oder andere –, und mit besseren Kraftwerken den Müll energetisch erneut nutzen könnten?
An diese Möglichkeit hat der Gesetzgeber gedacht und festgelegt, dass es bis zu 500 Jahre nach dem Verschluss des Endlagers möglich sein muss, den Abfall zu bergen. Das heißt: So lange müssen auch die Behälter halten, und so lange müssen Pläne vorliegen, die zeigen, wo der Abfall genau liegt.

Wie gefährlich ist der Müll?
Es ist der gefährlichste Stoff, den die Menschheit je produziert hat. Die Oberfläche der Behälter ist bis zu 118 Grad heiß. Wegen der langen Halbwertzeiten einzelner Radionuklide strahlt der atomare Abfall praktisch ewig. Daher brauchen wir die Gewissheit, dass der Ort dauerhaft sicher ist. Das Endlager muss zum Beispiel frei von Erdbeben- oder Vulkangefahr sein.

Welche Gesteine und Böden kommen in Frage?
Granit, Salz und Ton. Granit ist sehr stabil, aber es gibt eine höhere Gefahr, dass Wasser eindringen kann. Salz ist sehr dicht – es muss aber absolut trocken sei, da es sich bei Wassereintritt auflöst. Das Gestein muss 300 Meter unterhalb der Erdoberfläche liegen und mindestens 100 Meter mächtig sein. Entscheidend ist, dass die festgelegten Kriterien für die Sicherheit erfüllt sind.

Bei Salz denken hier viele an Kali. Kommen Bergwerke infrage?
Keinesfalls. Weder ehemalige Stollen noch Gebiete, in denen schon mal Tiefenbohrungen stattfanden, sind geeignet. Wir brauchen unberührtes Gestein ohne geologische Störungen.

Standortsuche, Planverfahren, Widersprüche, Klagen: Wird das Endlager je fertig?
Das Gesetz gibt als Ziel das Jahr 2031 vor. Nach Genehmigung und Ausbau könnte das Endlager 2050 in Betrieb gehen. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, das uns aber gleichzeitig immer wieder daran erinnert, dass wir alles daran setzen sollten, die sichere Entsorgung der hochgefährlichen Stoffe mit aller Energie und allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten anzupacken.