Berlin (dpa) l Schwarze, rußige Wände, verkohlte Holzstücke auf dem Boden, angetrocknetes Löschwasser – in dem Berliner Hochhaus in der Landsberger Allee 175 gehen Angst und Resignation um. Zum vierten Mal in einer Woche hat es in dem Plattenbau mit 18 Etagen gebrannt. Am Montag wird der Schaden im Treppenhaus begutachtet und versucht aufzuräumen. Besorgte Anwohner fragen sich: Wann wird der unbekannte Feuerleger gefasst? Schlägt er schon bald wieder zu?

Der 31-jährige Ömär Almas wohnt mit Frau und drei Kindern seit zwei Jahren in dem Hochhaus im Bezirk Lichtenberg. "Schon wieder", habe er gestöhnt, als er am Sonntagabend spät von der Arbeit kam und die Feuerwehr schon wieder da war. Der Kurde ist nur noch genervt: "Ich will das nicht mehr." Er fühle sich hier nicht mehr sicher mit seiner Familie. Almas will versuchen, woanders eine Wohnung zu bekommen.

Die Polizei geht von Brandstiftung aus. "Wir ermitteln gegen Unbekannt", sagt ein Sprecher. Einen konkreten Verdacht gebe es aber noch nicht. In allen Fällen wurde demnach Müll oder Gerümpel im Treppenhaus angesteckt. Zuletzt züngelten am Sonntagabend Flammen in der zehnten Etage. Die Serie sei "nicht alltäglich", heißt es bei den Ermittlern. Der Appell an die Bewohner lautet: "Nichts im Treppenhaus abstellen, Türen verschlossen halten!"

Die 24-jährige Delnaz Semir aus der benachbarten Nummer 177 findet die Zustände chaotisch: "Hier macht jeder, was er will." Auch in ihrem Haus habe es schon öfter gebrannt – so habe Silvester jemand einen Böller in den Fahrstuhl geworfen. "Ich habe Angst." Sie denkt, dass Fremdenfeindlichkeit dahintersteckt und hat schon gekritzelte Hakenkreuze im Hausflur gesehen. In der Gegend wohnten viele Ausländer.

Brennender Müll aus Protest

Ein Handwerker vermutet, dass die Mieter zu faul seien, ihren Müll herunterzubringen und deshalb irgendein Genervter mit dem Feuer protestieren wolle. Der Hauseigentümer, die Deutsche Wohnen SE, spricht ebenfalls von einer "erhöhten Verschmutzung". Deshalb sei extra für die Nummer 175 ein Hausmeister eingesetzt worden, der tagsüber durch die Stockwerke laufe und Müll einsammle.

In allen Fällen brannte es zwischen 20.30 und 21.30 Uhr. Sprecher Marko Rosteck von der Wohnungsgesellschaft sagt, es gebe bereits einen Sicherheitsdienst, der nachts unterwegs sei und nach dem Rechten sehe. "Jetzt warten wir erstmal die Ermittlungen der Polizei ab." Dieser seien Aufnahmen aus Überwachungskameras übergeben worden.

Bei der Hauptstadt-Feuerwehr berichtet Sprecher André Mrázek, wie schwierig es in dem verqualmten Treppenhaus am Sonntagabend war. "Wir mussten uns von der 10. bis zur 18. Etage durchtasten." Auch drei Kinder seien in Sicherheit gebracht worden. Glück im Unglück: Es wurde – wie bei den vorherigen Bränden – niemand ernsthaft verletzt. Mehr als 20 Anwohner seien aber vor Ort betreut worden, weil zunächst der Verdacht einer Rauchgasvergiftung bestand.

Zuletzt waren 70 Kräfte, sechs Löschfahrzeuge, zwei Drehleitern, mehrere Rettungswagen und Notarztwagen im Einsatz. Jedes Mal werde in großer Stärke ausgerückt, sagt der Feuerwehr-Sprecher. "Die Adresse Landsberger Allee 175 ist bei uns als Hochhaus hinterlegt – da sind wir nach London besonders sensibilisiert." Bei der Katastrophe im Grenfell-Hochhaus in der britischen Hauptstadt waren im Juni des Vorjahres 71 Menschen ums Leben gekommen.

Bei einem der Einsätze in dem Lichtenberger Hochhaus warf jüngst ein Bewohner eines Nachbarhauses von seinem Balkon einen Böller auf die angerückten Polizisten. Er soll wegen der dauernden Feuerwehreinsätze genervt gewesen sein, gegen ihn wird ermittelt. Solche Taten können seit vergangenem Jahr mit Haftstrafen geahndet werden.