Hygiene, mehr Abstand, Stopp von Großveranstaltungen, Schulen zu, Ladenschließungen: Was hilft, und was hilft kaum bei der Eindämmung des Virus?  Darum geht es heute in der Corona-Sprechstunde.

Mittlerweile dreht sich in der Politik alles um die Reproduktionszahl. Auch Ansteckungszahl genannt. In der zweiten Märzwoche lag sie bei 3. Heißt: 1000 Covid-Kranke stecken 3000 Gesunde an. Diese 3000 wiederum 9000. Das große Ziel ist es, die Ansteckungszahl unter 1 zu drücken. Wenn zum Beispiel 1000 Infizierte 900 anstecken (R=0,9), dann geht die Zahl der täglich neu Erkrankten zurück. So, wie jetzt. Seit Ende Februar liefen Hygiene-Appelle. Seit dem 9. März wurden Großveranstaltungen untersagt. Am 16. März wurden Schulen und Kitas geschlossen. Am 23. März folgte der härteste Eingriff: Lockdown. Fast alle Läden mussten schließen, es gibt massive Kontaktbeschränkungen.

Nun wird sichtbar: Die Ansteckungszahl R war schon ab etwa dem 20. März knapp unter 1 gefallen. Und seit mittlerweile vier Wochen bleibt sie da - von kurzen Abweichungen abgesehen. Das zeigt die Berechnung (Grafik) des Robert-Koch-Instituts (RKI). Der Lockdown am 23. März kann diese positive Entwicklung unmöglich ausgelöst haben. Nach jeder Maßnahme dauert es einige Zeit, ehe sie wirkt. War der Lockdown überflüssig? Sind andere Maßnahmen effektiver? Was bedeutet das für das weitere Vorgehen?

In der Sprechstunde heute antworten die drei Mediziner der Uniklinik Magdeburg: Professor Achim Kaasch (Institutsdirektor Mikrobiologie und Krankenhaushygiene), Prof. Christian Apfelbacher (Institutsleiter Sozialmedizin) und Prof. Hans-Jochen Heinze (Ärztlicher Direktor).

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Hat die Regierung mit dem Lockdown überzogen?

Achim Kaasch: Diesen Vorwurf würde ich ihr nicht machen. Denn die Reproduktionszahl kann nicht wie ein täglicher Börsenkurs veröffentlicht werden: Es dauert im Mittel fünf Tage von der Infektion bis zum Auftreten erster Symptome; dann vergeht etwa eine weitere Woche, ehe die Meldung in die Statistik des Robert-Koch-Instituts eingeht. Erst danach kann für die zurückliegende Zeit der Krankheitsverlauf und die Reproduktionszahl ermittelt werden. Es ist also immer eine Rückschau. Die Regierung konnte die Zahlen von Ende März noch nicht kennen, als sie den Lockdown beschloss.

Aber jetzt liegen die Zahlen vor. Müssen daraus nicht Konsequenzen gezogen werden?

Hans-Jochen Heinze: Ganz klar: Ja. Es geht nicht darum, der Politik im Nachgang Fehler vorzuwerfen. Aber wir Mediziner müssen in die Zukunft blicken und deutlich sagen: Welche Maßnahmen bringen viel und welche wenig. Denn diese Maßnahmen haben gravierende Auswirkungen. Auch sie können krank machen. Die UNO warnt vor Hungersnöten in den armen Ländern.

Christian Apfelbacher: Das wissen wir aus der Finanzkrise: Die gesundheitlichen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Existenznöten sind hoch. Also: Im Nachgang betrachtet hat der Lockdown nicht so stark auf die Senkung der Reproduktionszahl gewirkt wie andere Maßnahmen. Eine vorsichtige Öffnung ist gerechtfertigt. Wie die Lockerung wirkt, werden wir in zwei Wochen sehen.

Heinze: Es ist daher auch wichtig, Schulen und Kitas zu öffnen. Ohne die ist die Wirtschaft gehemmt.

Apfelbacher: Das sollte aber differenziert geschehen. Beginnend mit den Abschlussklassen und etwa mit alternierendem Unterricht, so dass die Schülerinnen und Schüler im Wochenwechsel mal in der Schule und mal zu Hause lernen. Die Kita-Notbetreuug muss zügig erweitert werden. Dann sollte man drei Wochen die Lage beobachten, ehe man Kitas komplett öffnet. Bei den Kleinen sind Hygienregeln schwerer umsetzbar.

Unter 2,2 Millionen Einwohnern in Sachsen-Anhalt gibt es keine 400 Covidpatienten. Wo sollen sich die Kinder massenhaft anstecken?

Kaasch: Ich persönlich halte eine Öffnung der Kitas für vertretbar. Wir haben im Land aktuell tatsächlich wenige Infektionen und können schneller vorangehen als etwa Bayern oder Baden-Württemberg. Schulen und Kitas müssen den Alltag aber umorganisieren: Stärkere Hygiene und kleinere Gruppen und Klassen gehören dazu. Wir müssen jedoch flexibel sein und bei einem starken Anstieg der Infektionen die Einrichtungen betroffener Gemeinden wieder schließen.

Manche Virologen halten die Lockerungen für verfrüht.

Heinze: Wir müssen mit dem Virus leben. Deutschland liegt in der Mitte Europas und kann sich nicht auf Dauer abschotten.

Seit Mitte Februar wird an mehr Hygiene appelliert: Hände waschen, in Armbeuge husten, nicht ins Gesicht fassen. War das wirksamer als flächendeckende Ladenschließungen?

Kaasch: Ganz offenkundig haben sehr viele Bürger die Appelle ernstgenommen. Die Hygiene-Offensive ist ein sehr großer Erfolg. Und schon vor dem 23. März hatten viele auf Abstand geachtet und Kontakte eingeschränkt.

Apfelbacher: Leider gab es aber auch Ausnahmen; in einigen Großstädten wurden Coronapartys gefeiert. Ich denke, auch diese Bilder haben Politiker zu schärferen Maßnahmen bewogen.

Heinze: Ganz wichtig sind auch regelmäßige Tests bei den Mitarbeitern in der Pflege und Medizin. Die Älteren und Vorerkrankten sind die Riskogruppe. Bei uns an der Uniklinik werden wöchentlich 1200 Tests gemacht.

Gastronomen wollen im Mai endlich wieder öffnen. Was sagt die Medizin?

Kaasch: Wenn Tische genügend Abstand haben und Köche sowie Kellner Mund-Nasen-Schutz tragen, ist das ab Mitte Mai kein Problem. Eine Gastronomie im Außenbereich halte ich schon jetzt für machbar.

Seit Mitte März haben wir sonniges, trockenes Wetter. Half auch das?

Kaasch: Ein bisschen hilft es, denke ich. Aber die Effekte sind gering, wenn wir auf die internationale Entwicklung schauen. Auch in sonnigen Gegenden wie in Südamerika haben wir Infektionsketten.

In den heiklen Wochen gab es keinen Maskenzwang, nun gilt er für alle Läden und den ÖPNV. Ist das logisch?

Heinze: In der jetzigen Phase halte ich die Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz für richtig. Das Risiko eines Rückfalls und einer erneuten Schließung der Wirtschaft ist zu groß.