Berlin (dpa) l Die Hypothese kam fast zeitgleich mit dem Erreger auf: Seit Monaten schwirrt die Behauptung herum, das neuartige Coronavirus sei gar nicht natürlichen Ursprungs, sondern menschengemacht – als eine Art Biowaffe. Neue Nahrung erhält diese Annahme durch US-General- stabschef Mark Milley, der nicht ausschließt, dass das neuartige Coronavirus aus einem chinesischen Labor stammt. „Wir haben viele Geheimdienste gehabt, die sich das genau angesehen haben“, sagte Milley am Dienstag bei einer Pressekonferenz mit US-Verteidigungsminister Mark Esper. „Ich würde an dieser Stelle einfach sagen: Es ist nicht eindeutig.“ Das Gewicht der Beweise gehe zwar in Richtung eines natürlichen Ursprungs. „Aber wir wissen es nicht genau.“ Ein Faktencheck:

Tatsächlich fehlen bis heute abschließende Erkenntnisse, wie sich der Mensch ursprünglich genau mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben könnte. Schnell war klar: Der Erreger ist ein Typ aus der seit Jahrzehnten bekannten Gruppe der Coronaviren. Schon lange wissen Experten, dass diese hochvariablen Viren zwischen Tieren und vom Tier auf den Menschen überspringen können.

Mittlerweile gibt es aber wissenschaftliche Fortschritte: Mitte März veröffentlichten Forscher um den schwedischen Mikrobiologie-Professor Kristian Andersen ihre Analyse der Corona-Familie. Darin ging das Team gezielt der Frage nach, ob das Virus künstlich hergestellt worden sein könnte.

Dazu untersuchten sie die Spike-Proteine, die aus der Virus-Oberfläche herausragen. Diese Stacheln nutzt der Erreger, um an eine Wirtszelle in Lunge oder Rachen anzudocken und in sie einzudringen. Die Untersuchung zeigt dabei insbesondere zwei wichtige Unterschiede zwischen Sars-CoV-2 und seinen Verwandten: Vereinfacht gesprochen hat das Protein einen abweichenden Aufbau und eine andere Zusammensetzung seiner Aminosäuren.

Die Forscher betonen, anhand der untersuchten Merkmale könne das neue Virus zwar besonders leicht menschliche Zellen befallen. Allerdings sei das Ganze nicht so optimal gestaltet, wie man es von einer künstlich hergestellten Biowaffe erwarten würde. „Dies ist ein starker Beweis dafür, dass Sars-CoV-2 nicht das Produkt einer gezielten Manipulation ist“, heißt es in der Analyse.

Zudem sei es überhaupt nicht nachvollziehbar, warum man Sars-CoV-2 aus einem bislang für Menschen harmlosen Virus entwickelt haben sollte und nicht aus lange bekannten gefährlichen Corona-Verwandten wie Mers oder Sars. Die Wissenschaftler halten ein Labor-Szenario daher für nicht plausibel.

Für sie kommt nur eine natürliche Übertragung auf den Menschen infrage: Entweder könnte das Virus direkt von Fledermäusen übergesprungen sein oder einen tierischen Zwischenwirt genutzt haben. Noch unklar ist aber, ob Sars-CoV-2 schon davor so mutierte, dass es leichter an menschliche Zellen andockt – oder erst später, als es womöglich bereits unerkannt unter den Menschen zirkulierte.

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten und mehr als zwei Dutzend weitere Forscher und Wissenschaftlerinnen lehnen in einem Artikel von Anfang März die Theorie des Labor-Ursprungs strikt ab.

Chinas Behörden sehen es als wahrscheinlich an, dass die Virenverbreitung von dem Verkauf der Wildtiere auf dem Huannan-Markt in der als erstes betroffenen Millionen-Metropole Wuhan ausgegangen ist. Viele der ersten Infektionen wurden auf diesen Markt zurückgeführt. Eine weitere Studie chinesischer Wissenschaftler hält es allerdings für möglich, dass der Markt nicht die originäre Quelle war, sondern das Virus von anderswo dorthin geschleppt worden ist.