Potsdam l Mit der Spendenaktion „Ein Baustein für die Frauenkirche“ hatte das ZDF einen erklecklichen Teil der mehr als 100 Millionen Euro an Spenden zur Neuerrichtung der Dresdner Frauenkirche beigetragen. Der größte Sandsteinbau der Welt war 2005 wiedereröffnet worden. Nun sammelt der Sender erneut: Diesmal für die Wiedererrichtung der Garnisonkirche in Potsdam, genauer für deren Turm und eine integrierte Kapelle. Eine Stiftung für den Wiederaufbau war 2008 gegründet worden.

Doch anders als bei der Frauenkirche, wo sich zum enthusiastischen Lokalpatriotismus der Dresdner deutschlandweite Begeisterung gesellte, stößt das Potsdamer Projekt schon in der Stadt selbst auf einen Widerstand, der bisweilen militante Formen annimmt.

Bei der Zeremonie zum Start der Bauarbeiten im Oktober 2017 – unter Polizeischutz vollzogen – stank es zum Himmel. Mehrere Stinkbomben waren auf das Gelände geworfen worden.

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Hitler und Hindenburg

Es ist die Geschichte, die die Potsdamer Garnisonkirche bei ihren Gegnern für immer diskreditiert. Das Gotteshaus, nach einem Entwurf von Philipp Gerlach geschaffen, wurde 1735 fertiggestellt. Der 88,5 Meter hohe Bau war eine preußische Militärkirche.

Zur Zäsur wurde der 21. März 1933, der Tag von Potsdam. Knapp zwei Monate nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten schüttelten sich zur Eröffnung des kurz zuvor gewählten Reichstages Naziführer Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg vor der Garnisonkirche die Hände. Für die Parlamentseröffnung war wegen des durch Brand zerstörten Reichstages nach Potsdam ausgewichen worden. Militarismus und Faschismus schlossen vor aller Welt einen Bund, der Grundlage für Hitlers Kriegszüge war. Im April 1945, kurz vor Kriegsende wurde die Garnisonkirche bei einem anglo-amerikanischen Luftangriff schwer zerstört. Turm und Kirchenschiff brannten aus, die Mauern aber blieben intakt.

Bis 1968 die DDR zuschlug: Der Kirche, die durchaus hätte wieder aufgebaut werden können, machte Sprengstoff den Garaus. Paradox: Viele Potsdamer sahen dies damals mit ähnlicher Wut, wie manche ihre Nachfahren heute den Wiederaufbau.

Sprengung fiel aus üblichem SED-Rahmen

Nun ließ die SED ließ beim ihrem Feldzug gegen den christlichen Glauben zahlreiche Gotteshäuser sprengen: Etwa in Leipzig die Universitätskirche oder in Magdeburg Katharinenkirche und Ulrichskirche.

Doch die Garnisonkirche mit ihrer befleckten Historie stellt ein Sonderfall dar. In der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ war vor einiger Zeit zu lesen, es sei keineswegs ausgemacht, „dass es ein derart belasteter Bau nicht auch in der alten Bundesrepublik als unliebsamer Geschichtsballast entsorgt worden wäre. (...) In beiden deutschen Staaten wurden Bauten haftbar gemacht für das, was in ihnen stattgefunden hatte. Heutigen denkmalpflegerischen Standards entspricht das nicht. Wegen ihres Zeugniswertes und aufklärerischen Potenzials stehen gerade die unbequemen Baudenkmäler zumindest in Fachdebatten hoch im Kurs.“

Darauf verweisen auch die Spendensammler vom ZDF. „Die Potsdamer Garnisonkirche ist ein geschichtsträchtiger Bau von nationaler Bedeutung – mit teils belasteter Vergangenheit“, vermerkt der Sender im Internet. Dies ist der Tenor, mit dem die Bemühungen um die neue Garnisonkirche von den Wiederaufbau-Unterstützern begründet werden.

In der ersten Reihe steht dabei Günther Jauch. Der populäre Fernsehmann ist seit seiner Umsiedlung nach Potsdam zu einer Art Aufbau-Mäzen aufgestiegen. Mit viel Geld und produktiven Ideen hat sich Jauch um die Wiedererrichtung des friderizianischen Stadtschloss-

Ensembles verdient gemacht, heute Sitz des brandenburgischen Landtages. Potsdam, dessen zerstörtes Zentrum nach 1945 mit Zweckbauten zugepflastert worden war, hat wieder eine repräsentative Mitte. Für die Garnisonkirche hat Jauch 1,5 Millionen gegeben.

Die Liste der Prominenten, die zur Garnisonkirchen-Lobby gehören ist lang. Kuratoriumschef der Stiftung Altbischof Wolfgang Huber. Im den Gremium finden sich Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe, Ex-SPD-Vorsitzender Matthias Platzeck und Jörg Schönbohm, Ex-Innenminister Brandenburgs. Es geht noch eine Nummer höher: Zum Unterstützerkreis zählen auch die britische Königin Elizabeth II. und Kanzlerin Angela Merkel sowie ihr ehemaliger Stellvertreter Sigmar Gabriel.

Aus Fehlern der Vergangenheit lernern

Andere schon: Zu Jahresbeginn konnten die Förderer des Kirchen-Neubaus eine Mitstreiterin in ihrem Kreis begrüßen, die bisher nicht als Geschichtsinteressentin aufgefallen war: die frühere Eiskunstläuferin Katarina Witt. Die gebürtige Chemnitzerin sagt: „Mir ist die Aufarbeitung der Geschichte einfach wichtig. Je mehr man über die eigene Geschichte weiß, auch um die Fehler, die im eigenen Land passieren, desto besser kann man in die Zukunft gehen.“ Bei einer solch vereinfachten Sicht erübrigen sich lange Debatten.

Die Stiftung Garnisonkirche arbeitet die Geschichte auch auf: Sie will einen versöhnenden Bibelvers auf den Turm bringen. Im Sockel soll der Spruch „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ in fünf Sprachen gemeißelt werden.

Für Skeptiker und Gegner ist das nur ein Feigenblatt. Der christliche Widerstand hat sich seit 2014 in der Initiative „Christen bauchen keine Garnisonkirche“ gesammelt. Die mehreren hundert Unterzeichner wollen dem Eindruck entgegentreten, „alle Christinnen und Christen würden dem Vorhaben einhellig zustimmen.“

Die christliche Aufbau-Gegner – unter ihnen der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer – bezweifeln, dass die Kirche dem deklarierten Ziel eines „Versöhnungszentrums“ entsprechen kann.

Ministerin wollte Kirche zur Moschee machen

Sie führen die Argumente an, die auch der Historiker Manfred Gailus, Professor des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin gegen den Wiederaufbau anführt. Nämlich, dass die Garnisonkirchenstiftung bislang nicht angemessen mit der Geschichte der Garnisonkirche im Nationalsozialismus umgehe. Die Kirche habe in der NS-Zeit eine „fatale Rolle gespielt“, sagt er dem Evangelischen Pressedienst. „Gute historische Argumente für den Wiederaufbau der Garnsionkirche kann ich nicht erkennen.“

Nun denn, es wird inzwischen gebaut in der Potsdamer Innenstadt. Zunächst am Fundament. Darüber entstehen Basilika und Turm. Das Kirchenschiff soll – wenn überhaupt – später folgen.

Also rückt die Nutzung des Retro-Sakralbaus in den Mittelpunkt der Diskussion. Den skurrilste Vorschlag machte vor einem Jahr die brandenburgische Kulturministerin Martina Münch (SPD): Sie erklärte in einer Podiumsdiskission zum möglichen Standort einer Moschee in Potsdam. „Wir sollten auch nachdenken, wie wir das Kirchenschiff der Garnisonkirche nutzen – das kann auch eine Moschee sein.“ Kaum war jedoch die Idee in der Welt, wurde sie wieder abgeräumt. Der Turm-Streit wird die bis 2020 geplante Bauphase begleiten.

Garantierter Gewinn für alle: Ein schöner neuer Aussichtsturm.