München (dpa) l Horst Seehofers Strategie ist gefährlich. Seit die CSU vor knapp zweieinhalb Wochen bei der Bundestagswahl eine historisch schmerzhafte Schmach kassiert hat, vergeht kaum ein Tag ohne neue oder alte Rücktrittsforderungen von neuen oder alten Kritikern aus der Partei. Während diese im Freistaat landauf und landab an Stammtischen und auf allen Parteiebenen omnipräsent sind, ist der Adressat oft eher von der Bildfläche verschwunden. Statt in München zu regieren, verhandelt Seehofer in Berlin.

„Na Markus, hast du wenigstens alles im Griff“, begrüßt Seehofer am Donnerstag mit ironischer Stimme seinen Vizegeneralsekretär Markus Blume im Landtag. Dieser ringt sich ein Lächeln ab, kurz darauf tuscheln die beiden leise. Der Inhalt dürfte klar sein: nach der Oberpfalz und Oberfranken haben sich nun auch Teile der Münchner CSU dem „personellen Neuanfang“ verschrieben, wollen das Karriereende Seehofers beschleunigen.

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„München rebelliert gegen Horst Seehofer“, heißt es im Bericht der „Bild“und der hat es eben nicht nur für Seehofer in sich, sondern auch für Blume. Der ist einer von neun CSU-Kreisvorsitzenden in der Landeshauptstadt. Die anderen acht hätten mit dem Münchner CSU-Bezirkschef, Kultusminister Ludwig Spaenle, beschlossen, die CSU brauche einen personellen Neuanfang. Tags darauf heißt es aber, es seien nur sechs von neun Vorsitzenden gewesen. Obwohl der Münchner CSU und auch Spaenle schon lange ein gutes Verhältnis zum aussichtsreichsten Kandidaten für Seehofers Nachfolge, Finanzminister Markus Söder, nachgesagt wird, wäre dies für Seehofer und Blume mehr als eine weitere schlechte Nachricht.

Seehofer hat Zeit und Geduld

Spaenle selbst glänzt in München durch Abwesenheit, er ist in Berlin bei der Kultusministerkonferenz, zweifelsohne der angenehmere Termin. Für Rückfragen ist er zunächst nicht erreichbar. Zumindest Spaenles Stellvertreterin im Bezirksvorstand, Friederike Steinberger, ist aber erreichbar: „Das ist mit Sicherheit nicht repräsentativ“, betont sie und schimpft über parteischädigendes Verhalten der sechs Kreisvorstände, gänzlich ausschließen will sie auf Nachfrage personelle Konsequenzen für Seehofer aber auch nicht.

Wer jedoch glaubt, dass Seehofer auf das Gespräch drängt, der irrt. „Das kann man in aller Ruhe machen“, gibt er sich gelassen. Doch wer ihn kennt, hört an seiner leisen Stimme, dass es in ihm rumort. Je wichtiger etwas für Seehofer ist, desto leiser spricht er.

Berlin steht im Vordergrund

Für den 67-Jährigen stehen nach eigener Aussage aber ausschließlich die anstehenden Jamaika-Verhandlungen in Berlin mit CDU, FDP und Grünen an erster Stelle. „Er will das nur aussitzen“, monieren seine Kritiker, sie sehen auch in seiner Ruhe eine Provokation. Der Wunsch vieler in der CSU, eine geordnete Übergabe der Macht von Seehofer an Söder, sei weiter in unerreichbarer Ferne, sagt einer, der im Vorstand sitzt. Das Pendel bewege sich aber zum Vorteil Söders.

„Wir versäumen gar nichts, wenn wir jetzt erstmal bis Ende Oktober verhandeln und dann überlegen, ob und wie es weitergeht“, betont Seehofer auf die Frage, ob er seine Krisenstrategie ändern müsse. „Je nach Sachlage werden wir dann über die Mannschaft der CSU reden.“ Welche Rolle Horst Seehofer dann noch spielen wird, bleibt abzuwarten.