Berlin l So eine Kaffeehaus-Dichte gibt es nicht einmal in Wien. Am dollsten ist es am Britzer Damm in Berlin. «Open 24 Stunden», wirbt ein rot blinkendes Schild am Eingang. Ungewöhnlich für ein Café. Drinnen findet sich in Zimmer 1 das „Café Orient“. Vor Zimmer 2 weist ein Schild auf die „Britzer Milchbar“ hin. In Zimmer 3 ist das „Wiener Café“ – und so weiter. Sechs Cafés auf engstem Raum. Dabei sind alle Räume gleich, nur getrennt durch Glaswände. Immer bestückt mit einer Kaffeemaschine - und drei Glücksspielautomaten.

Wird das Geld primär mit dem Verkauf von Kaffee verdient, dürfen in einem Café drei Spielautomaten aufgestellt werden. Doch seit Mittwoch sind die Cafés dicht. Denn da fand in Berlin eine Großkontrolle statt. Dabei wurden die sechs Café-Casinos in Neukölln geschlossen, weil die Kontrolleure sie als zusammenhängende Spielhalle bewerteten, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Insgesamt kontrollierte die Polizei 33 Spielstätten, darunter 29 Café-Casinos, zwei Spielhallen und zwei Wettbüros - nur in einem Fall sei nichts zu beanstanden gewesen.

Beim Verband deutsche Automatenwirtschaft kommen die Razzien gut an, die Branche fordert schon länger ein härteres Vorgehen gegen das illegale Spiel. „Mit Sorge sehen wir den Wildwuchs von Café-Casinos und des Spiels in Hinterzimmern. Hier wird der Spieler- und Jugendschutz mit Füßen getreten“, sagt Vorstandssprecher Georg Stecker.

Gefährliches Suchtpotenzial

Rund 13,5 Milliarden Euro Ertrag macht die Glücksspielbranche in Deutschland pro Jahr derzeit, die ausgezahlten Gewinne sind davon bereits abgezogen. Ein gewaltiger Markt – mit gefährlichem Sucht- und Verschuldungspotenzial für die Zocker. Nach dem Jahresreport 2016 der Spielaufsichtsbehörden der Länder gelten 81 Prozent des Marktes als reguliert, 19 Prozent nicht. Und dieser Bereich wächst. Um 15 Prozent im Jahr, schätzt ein Branchenvertreter. Zum Beispiel Fußballwetten finden vor allem im Internet statt. Aber viele Anbieter kommen nur zum Zuge, weil es an EU-weiten Regeln fehlt. Und im Automatensektor blühen sogenannte Café-Casinos wie in Berlin-Neukölln.

In der Hauptstadt gibt es nach Schätzungen der Branche neben 470 regulären Spielhallen etwa 2500 Café-Casinos. Zahlen sie korrekt Steuern? Sind das nicht verkappte, unkontrollierte „Spielhöllen“? Die legalen Spielhallen brauchen geschultes Personal, haben strenge Auflagen und zertifizierte Spielautomaten. Das kostet Geld und schmälert Gewinne. Erklärtes Ziel der Politik war es, das Glücksspiel einzudämmen - die „klassische“ Branche fühlt sich gegängelt.

Der Vorwurf: Es gibt ein Vollzugsproblem beim Vorgehen gegen illegale Einrichtungen und Glücksspiel im Netz. In einer Stadt wie Berlin mit Terrorgefahren und anderen Dauerbelastungen für Polizei und Ordnungsbehörden fehlt Personal, um die Szene genauer zu durchleuchten.

Deutlich wird Daniel Henzgen vom Automatenhersteller Löwen: „Wer sich an Recht und Gesetz in Deutschland hält, ist der Dumme.“ Wenn der Staat nicht durchgreife, dann öffne der deutsche Gesetzgeber „das Tor zu Hölle“. Der illegale Marktanteil werde weiter massiv wachsen. Der Staat beweise beim Glücksspiel, dass er die Dynamik der Digitalisierung nicht begreife, sagt er. „So erschließt es sich mir nicht, warum staatlich-konzessionierte Spielhallen Mindestabstände einhalten sollen, wo auf jedem Handy circa 1200 deutschsprachige Online-Casino-Seiten jederzeit verfügbar sind.“

Mindestabstände sinnlos?

Mit Mindestabständen von Spielhalle zu Spielhalle will man deren Zahl verringern. Die privaten Unternehmen der Branche hängen der Theorie an, dass gerade die starke Regulierung im legalen Bereich, etwa beim Betrieb von Spielhallen, zu einer Ausbreitung von unerlaubten Glücksspielen in Schwarzmärkten führt.

Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) betont hingegen, dass vor allem die staatlichen Anbieter unter den schwarzen Schafen leiden. „Die einzigen, die sich an die vorhandenen Regeln halten, sind die staatlichen Anbieter, deren Überschüsse gemeinnützig verwendet werden“, so Schäfer.

Dank eines Regulierungsschlupflochs in Schleswig-Holstein können Online-Casinos und Wettanbieter wie das von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn beworbene Tipico ungehindert bundesweit um Kundschaft werben.

Deutschland habe sich zu einem Paradies für illegales Glücksspiel entwickelt, sagt auch Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim. Die Uneinigkeit der Länder habe den Markt aufblühen lassen. Doch ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag ist nicht absehbar.

In Berlin-Neukölln ist der Casino-Boom hinter der Illusion einer Kaffeehaus-Idylle versteckt. Wer in Berlin-Neukölln die Straßen entlangläuft, sieht überall Fenster, die von außen verklebt sind mit großflächigen Bildern von Kaffeebohnen, aufgeschäumten Cappuccinos und dampfendem Kaffee. Nach Kaffee riecht es drinnen nicht. An Automaten wird gedaddelt, was das Zeug hält. Die Kaffee-Maschine hat schon Staub angesetzt und wurde offensichtlich länger nicht benutzt.