Jena l Die Schleife ist aus Seide und glänzt giftgrün. Damit setzt sie ein auffallendes Zeichen, denn alle anderen Farben sind verblasst. Das Lodengrün der behaarten Stängel ebenso wie das Maigrün der fiederschnittigen Blätter oder das Orientrot der Blüte. „Papaver rhoeas“ steht unter der Pflanze: Klatschmohn. Gepresst in einem Folianten war es einst ein Geschenk für Carl-August, Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach. Einer von unzähligen Belegen im Herbarium Haussknecht.

Es sind meterlange und -hohe Schränke, deren sorgsam bewahrte Inhalte solche Geschichten erzählen. Andere warten noch auf eine Aufarbeitung, so zum Beispiel ein leuchtend violettes Geranium aus Kirgisien, das Mitte der 1970er Jahre gesammelt wurde. In jedem der unzähligen Schränke verbergen sich für Forscher ganz eigene Welten. Was für normale Besucher ein undurchdringbares Labyrinth aus gebogenen Mappen mit Pflanzenbelegen ist, das genießen andere mit großer Leidenschaft. Für sie ist es ein tägliches Vergnügen: Dr. Jörn Hentschel, geschäftsführender Kustos des Herbariums, ist so ein vergnügter Mensch, der sich bestens zwischen den Schränken auskennt.

Vier Kilometer Länge würde der Bestand ausmachen, wenn man alle Pflanzenordner nebeneinander legen würde. Die Sammlung ist ein Fall für das Guinness-Buch: Sicher, es ist nicht die größte Sammlung von getrockneten bzw. gepressten und auf Papier aufgezogenen Pflanzen auf der Welt, aber sie zählt zu den wichtigsten in Europa. In Deutschland ist nur das Herbarium in Berlin umfangreicher. Mit über 3,5 Millionen Exponaten braucht man im Jenaer Herbarium sehr lange, bis man einen Überblick hat. Alles kennen zu wollen, das haben auch die Mitarbeiter längst aufgegeben.

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Moose im Fokus

Hentschels wissenschaftliches Augenmerk gilt seit einigen Jahren der Sammlung von Moosen, eine effektive Pflanzengruppe, der man wenig Beachtung schenkt, die aber immer wichtiger als Umweltfilter werden. In Sachen „Moose“ genießt das Herbarium Haussknecht ein weltweites Ansehen. „Unter den über 3,5 Millionen Exponaten gibt es auch ganz besonders wichtige Sammlungen. Zu ihnen zählen umfangreiche Belege zur Flora von Kuba, zur Moosflora von Spitzbergen sowie eine Vielzahl Herbarbögen von tropischen Lebermoosen“, sagt Hentschel. „Schwerpunkt ist durch das Engagement von Haussknecht natürlich auch die Pflanzenwelt des Nahen und Mittleren Ostens.“

Der Begriff „Herbarium“ stammt von dem lateinischen „herbar“, das auf Deutsch Kraut bedeutet. Der schwedische Botaniker Carl von Linné stellt mit seinem 1753 veröffentlichten Werk „Species plantarum“ den eigentlichen Beginn der modernen Pflanzensystematik dar. Linné bewahrte als Erster seine vielen Herbarbelege lose auf, um neu hinzukommende Pflanzen einsortieren zu können.

Sammlungen ermöglichen Verständnis

In Jena sind drei Wissenschaftler, drei technische Kräfte sowie zwei Bibliothekarinnen am Herbarium Haussknecht beschäftigt. In einem Nebenraum des kleinen Herbariums sitzen zwei Mitarbeiterinnen an Schreibtischen und fixieren die zerbrechlichen Stücke auf einem festen, säurefreien Papierbogen. Behutsam werden die Pflanzen mit gummierten Papierstreifen befestigt. Größere Pflanzenteile wie z.B. Äste können auch mit Fäden auf den Herbarbogen aufgenäht werden. Wichtig sind neben den Pflanzen die Beschreibungen: Informationen zum botanischen Namen dürfen ebenso wenig fehlen wie die genauen Ortsangaben der Fundstelle, das Sammeldatum und die Umstände des Fundes. Auch die Beschaffenheit des Bodens bzw. der umliegenden Vegetation ist aufschlussreich.

„Ob Vorderer Orient, Afrika, Asien, Europa oder die Pflanzenwelt Thüringens, es gibt fast kaum eine Region auf der Welt, die nicht mit ihrer heimischen Flora im Herbarium Hauss-knecht vertreten ist“, erzählt Institutsdirektor Prof. Frank H. Hellwig. „Die in Teilen einzigartige Sammlung ist ein Schatz für Forscher. Und hier wird nicht nur die Vergangenheit bewahrt. Es gibt ständig neue Belege. Vergangenes Jahr wurden 100.000 ältere Belege erstmals erfasst, dann kommen noch über 10.000 neue dazu, die aus wissenschaftlichen Dokumentationen zu uns kommen oder von Sammelreisen. Es wird auch viel mit anderen Einrichtungen getauscht.“

So vergangen der Begriff „Herbarium“ klingt, so eine Sammlung ist lebendig. Wenn immer neue Belege einer Spezies bewahrt werden, können Vergleiche über einen langen Zeitraum gezogen werden. Das ist hilfreich zum Verstehen einer Pflanzengattung. Weltweit sind Forscher an ganz verschiedenen Pflanzen der Sammlung Haussknecht interessiert, schicken ihre Anfragen nach Jena und erhalten Informationen oder sogar Belege zurück. Bis zu 10.000 Anfragen gibt es jedes Jahr in Jena. Tendenz steigend, denn mit Themen wie Biodiversität und Nachhaltigkeit wird das Thema „Konservieren“ wiederentdeckt. „Fertig ist man hier nie“, sagt Frank Hellwig. „Das Herbarium ist eine Servicestelle für die wissenschaftliche Arbeit anderer Botaniker. Unsere Kenntnisse werden immer vollkommener.

Anfragen auch von Klimatologen

Das Inventar wird ganz unterschiedlich genutzt. Zum einen als Inventur der Flora in verschiedenen Gebieten der Welt. Was gibt es wo, wäre hier die Fragestellung. Oder es wird hinterfragt, woher Pflanzenarten stammen und wie sie sich entwickelt haben. Es gibt aber eben nicht nur historische Fragestellungen, sondern auch ökologische, ob zum Beispiel der Klimawandel Auswirkungen auf den Blühzeitraum von Pflanzen hat. Das ist ein aktuelles Thema. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Kontexte, in denen ein Herbarium von Belang ist. Anfragen kommen nicht nur von Botanikern, sondern auch von Genetikern, Klimatologen oder Ökologen. Das macht so eine Herbarium enorm wichtig.“

Immer treibt die Neugier an. Die war schon damals groß, als Carl Haussknecht Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts gut eine Million Exponate zusammentrug. Haussknecht wurde 1838 in Bennungen westlich von Sangerhausen geboren. Schon in seiner Lehrzeit in einer Apotheke sammelte er botanisches Material, später ging Haussknecht als Apothekergehilfe in die Schweiz, um die Flora der Alpen kennenzulernen. In Genf lernte er einen seiner wichtigsten Förderer kennen, den Orientbotaniker Pierre Edmond Boissier. In dessen Auftrag bereiste Haussknecht nach einem Studium der Botanik und Pharmazie in Breslau im Zeitraum von 1865 bis 1869 zweimal weite Teile des Vorderen Orients, um Altertümer zu kartografieren und Pflanzen zu sammeln.

Neben der Sammlung für Boissier legte er sich selbst zahlreiche Exponate zur Seite, die er später lange Jahre in Weimar in einem eigenen Herbarium bewahrte. Nach dem Tode Haussknechts im Jahre 1903 wurde die Stiftung „Herbarium Hauss- knecht“ als Träger der Sammlungen errichtet und der Botaniker Joseph Bornmüller zum ersten Konservator erwählt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Sammlung dann an ihren heutigen Ort, dem Hauptgebäude der Universität Jena.

Sammlung bleibt in Jena versteckt

So besonders die Sammlung international angesehen wird, sie bleibt in Jena eher versteckt und funktioniert als eine wissenschaftliche Forschungssammlung, zu der es aber Führungen gibt. Schon im Mittelalter wurden Pflanzen gesammelt, hatten Menschen an Nutz- und Heilpflanzen ein großes Interesse. Um sie noch besser kennenzulernen, wurden Sammlungen angelegt. Das Reisen und Entdecken der Welt hat die Sammelwut später noch unterstützt. Beinahe jeder Forscher kam mit einer Sammlung zurück in seine Heimat. So wächst das Herbarium Haussknecht beinahe täglich weiter: Immer mal wieder werden Nachlässe aufgenommen, Wissenschaftler wie Hentschel oder auch Hellwig sind selbst unterwegs und sammeln, auch wenn es aufgrund von internationalen Artenschutzverträgen zunehmend bürokratischer und schwieriger wird. Andere Probleme sind weniger international als lokal.

Die Sammlung platzt aus allen Nähten. Die Schränke biegen sich vor Inhalt. „Wir benötigen für alle Herbarbögen rund 2000 Quadratmeter Fläche, aktuell sind es nur ein gutes Drittel“, sagt Hellwig. „Die meisten Bögen lagern derzeit in dicken Büchern senkrecht in den Schränken. Das ist nicht mehr zeitgemäß, denn darunter leiden die Herbarbögen.“ Vor gut zehn Jahren hat ein Tabakkäfer den Forschern mehr als nur einen Schrecken eingejagt. Denn Käfer, die altes Papier fressen, sind gefürchtete Feinde für die Wissenschaftler und Larven von einem Tabakkäfer wurden durch Zufall im Archiv entdeckt. Zur Desinfizierung der Räume musste kurzerhand das ganze Archiv für zwei Monate in Erfurt zwischengelagert und große Teile der Sammlung auf -25 Grad Celsius tiefgefroren werden, um die Larven zu töten. Danach wurden die Bögen über mehrere Wochen langsam erwärmt.

Seit rund zehn Jahren arbeiten die Jenaer daran, die einzelnen Belege einzuscannen und online zugänglich zu machen. Bisher sind laut Frank Hellwig gut zwei Drittel geschafft und ein gigantisches Datenvolumen entstanden: Jede Datei ist rund 200 Megabyte groß. Ab und zu kommt es auch vor, dass Kinder mit ihren gepressten Pflanzen vor der Tür stehen. Der Reiz bei Führungen ist es, die vielen Pflanzengeschichten zu erzählen und Beispiele zu zeigen, die schon der Allroundexperte Goethe in seinen Händen hielt. Oder wenn man sich anschaut, mit welcher ästhetischen wie wissenschaftlichen Leidenschaft die Herbarbögen angelegt wurden. Spätestens dann springt ein Funke zu dieser Reise durch die Welt der Flora über und man begreift den langlebigen Schatz, der hier so scheinbar verstaubt schlummert.