Berlin (dpa) l Wer hierzulande mit Soldaten über ihren Status in der Gesellschaft spricht, der hört schnell wiederkehrende Klagen. In den USA bekämen Uniformierte auf der Straße Schulterklopfer und in den Bars Drinks spendiert, heißt es dann häufig. In Deutschland ziehe man die Uniform außerhalb der Kaserne lieber aus, weil man keine Lust habe, in der Bahn angepöbelt zu werden. Die Soldaten klagen über mangelnde Akzeptanz und Solidarität der Menschen, deren Schutz sie sich verpflichtet haben.

Horst Köhler beschrieb das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Armee als Bundespräsident einmal als „freundliches Desinteresse“. Das ist nun mehr als ein Jahrzehnt her. Damals verankerte die Wehrpflicht noch die Truppe in der Gesellschaft. Früher musste jeder zur Musterung, heute kommt eine ganze Generation nicht mehr direkt in Berührung mit dem Militär. Kasernen haben sich geleert, Standorte sind verschwunden, Uniformen seltener geworden im Straßenbild.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels, sieht die Gefahr, „dass der Gesellschaft das Militärische fremd wird“. Neben dem „freundlichen Desinteresse“ bricht immer wieder auch offene Feindseligkeit aus. Soldaten in Uniform werden beschimpft. Regelmäßig brennen Fahrzeuge der Truppe.

Tote Soldaten gelten nicht als Helden

Mehr als 60 Jahre nach Gründung der Bundeswehr bleibt das Verhältnis der Deutschen zum Militär schwierig. Soldaten werden in der öffentlichen Debatte nur allzu gern als Brunnenbauer und Entwicklungshelfer dargestellt. Die Debatte über das Kämpfen, Töten und Sterben wird gemieden. Statt vom „Krieg“ reden Politiker hierzulande gerne von „Stabilisierungseinsätzen“ und „Friedensmissionen“, auch das Wort „Veteran“ ist verpönt. Wer im Einsatz sein Leben verliert, gilt in Deutschland nicht als Held, sondern als Opfer. Dabei ist das längst bittere Realität geworden. Allein in Afghanistan kamen knapp 60 deutsche Soldaten ums Leben.

Für die deutsche Kultur der militärischen Zurückhaltung gebe es einen guten Grund, sagt der Wehrbeauftragte Bartels mit Blick auf zwei verschuldete Weltkriege. Es gebe hier zu Recht keinen „angelsächsischen Hurra-Patriotismus“. Aber mit Aussetzung der Wehrpflicht sei das Risiko der Entfremdung der Truppe von der Gesellschaft gewachsen. „Die Wehrpflicht war eine wunderbare Klammer zwischen der Bundeswehr und der Gesellschaft“, sagt Bartels. Früher habe es 250.000 Wehrpflichtige im Jahr gegeben, heute müsse die Truppe 25.000 Soldaten für den Dienst gewinnen.

Erfahrungsverlust, Distanz, Entfremdung

„Die Kontakte und der lebendige Austausch werden spärlicher“, warnt auch der Militärhistoriker Klaus Naumann. Er spricht von Erfahrungsverlust, Distanz, Entfremdung. Das Verständnis dafür, was Soldaten in Auslandseinsätzen machten, sei in der Gesellschaft begrenzt. Er kritisiert dabei auch die Öffentlichkeitsarbeit des Verteidigungsministeriums als „nicht sehr gewandt“.

Wenn über die Truppe öffentlich geredet wird, dann geht es häufig um Pistolen, die nicht richtig schießen, U-Boote, die nicht schwimmen und um Soldaten, denen es an allem fehlt, von der Schutzweste bis zum Zelt. Oder es geht um Skandale wie die Ausbildungspraktiken in der Kaserne in Pfullendorf oder die Vorfälle um den rechten Oberleutnant Franco A.

Fehlender Kontakt zur Bevölkerung

Oder es wird über den Wehr-Etat diskutiert, der nach Vorstellung von US-Präsident Donald Trump kräftig steigen soll und über dessen Höhe sich die GroKo seit Monaten streitet.

Dabei genießt die Bundeswehr als Institution einer Umfrage zufolge weiterhin hohe Imagewerte in der Öffentlichkeit. Vier Fünftel der Bevölkerung stehen der Bundeswehr positiv gegenüber, wie eine Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte der Bundeswehr 2017 ergab. Bei 60 Prozent der Befragten genießt die Bundeswehr ein hohes oder eher hohes Ansehen.

Die Studie belegt aber auch, dass der Kontakt zwischen Gesellschaft und Bundeswehr schrumpft. Gründe: Verkleinerung der Bundeswehr, Schließung vieler Standorte und Aussetzung der Wehrpflicht. Seit 2011 hätten viele Bürger lediglich „über die Medien Kontakt mit den Streitkräften“, heißt es.

Dabei kann man der Bundeswehr nicht gerade Kontaktscheue unterstellen. Sie geht offensiv mit der Ablehnung um, die ihr entgegenschlägt. Die Truppe wollte sich im Mai mit einem Stand auf der re:publica präsentieren. Die Macher der Internetmesse verwehrten den Zutritt. Soldaten in Uniform seien unerwünscht. Die Bundeswehr wehrte sich. Unter dem Slogan „Zu bunt gehört auch grün“ zogen Soldaten vor das Messegelände und protestierten. Eine ungewöhnliche Gemengelage: Ein Verfassungsorgan demonstriert mit einer Guerilla-Aktion gegen eine aus öffentlichen Geldern finanzierte Messe. Die Szene sagt viel aus über die Bundeswehr, ihr Selbstverständnis und ihre Rolle in Deutschland.