Berlin (dpa) l Erneut sind in Berlin mehr Beleidigungen und Angriffe gegen schwule Männer, Transsexuelle und lesbische Frauen registriert worden. Das Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo erfasste im vergangenen Jahr 382 dieser homo- oder transfeindlichen Übergriffe (2017: 324). Ob es tatsächlich mehr Fälle gab, könne man nicht sagen, teilte Maneo am Dienstag mit. Denkbar wäre auch, dass sich inzwischen mehr betroffene Menschen melden. Andererseits sei ein Anstieg auch nicht auszuschließen.

Die meisten gemeldeten Übergriffe waren Beleidigungen (123 Fälle). Dazu kamen Körperverletzungen (67) und Drohungen (54). Außerdem gab es auch 20 Raubüberfälle sowie Beschädigungen und Schmierereien an Gedenkstätten. Die Mehrheit der Opfer waren schwule Männer (286). 50 Mal waren Transsexuelle betroffen, 27 Mal lesbische Frauen.

Allerdings gehen Maneo und auch die Polizei davon aus, dass die allermeisten Taten von den Opfern nie angezeigt oder irgendwo gemeldet werden. "Wir reden hier in Berlin von einem Dunkelfeld von 80 bis 90 Prozent", sagt Bastian Finke von Maneo. Die Polizei schätzt das ähnlich ein. Offiziell wurden 2018 insgesamt nur 225 Fälle von Übergriffen gezählt. Viele Opfer scheuen die Anzeige.

Die meisten Taten, die Maneo gemeldet wurden, geschahen in den Innenstadtteilen Schöneberg, Neukölln, Tiergarten, Mitte und Kreuzberg, wo die Schwulenszene präsent ist und ausgeht. Manche Schwulenpaare meiden offenes Auftreten in bestimmten Gegenden, etwa weil sich dort viele arabisch- und türkischstämmige Jugendliche mit homosexuellen-feindlichen Einstellungen aufhalten.

Maneo stellte fest: "Sichtbarkeit bedeutet für viele Gefahr." Häufig sei die Erkennbarkeit als schwules oder lesbisches Paar Auslöser für einen Übergriff gewesen. "Die Betroffenen wurden als gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit erkannt, weil sie zeigten, wen sie lieben." Die Wahrscheinlichkeit, als schwuler Mann im Leben irgendwann einmal grob beleidigt oder angegriffen zu werden, sei "extrem hoch".