Pliening (dpa) l Sie filmen brennende Lastwagen auf der Autobahn, zücken Smartphones bei tödlichen Unfällen oder stören die Rettungsdienste: Die Rede ist von Gaffern. "Das macht mich echt zornig", sagt Peter Bachmeier. "Es ist doch wahnsinnig, wenn Leute Freude daran haben, dass es anderen schlecht geht." Das Thema Gaffen hat den Grundschulrektor über Jahre hinweg nicht losgelassen. Nach seiner Pensionierung entschied sich der 65-Jährige im Herbst, etwas zu tun: Er gestaltete ein Bilderbuch für Kinder.

Die Gaffer, das sind bei dem in Pliening bei München wohnenden Bachmeier geschlechtslose, wabbelige Wesen in knalligen Farben mit großen Augen. Wie ihre realen Vorbilder greifen sie bei Unfällen mit Verletzten schnell zum Handy, helfen aber nicht – bis sie selbst Hilfe brauchen. "Erwachsene kann man bei diesem Thema nicht mehr so leicht ändern", sagt Bachmeier, während er mit Wasserfarben einen weiteren Gaffer malt. "Aber bei Kindern geht es vielleicht."

Das für den oberbayerischen Landkreis Ebersberg zuständige Schulamt hat Bachmeier mit seiner Idee überzeugt. Im September sollen jeweils 70 Exemplare an jede Grundschule im gesamten Landkreis verteilt werden. Dank Sponsoren entstehen für die Träger dabei keine Kosten. "Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Schulamtsleiterin Sigrid Binder. "Daher sollte es auch Inhalt im Rahmen der Verkehrserziehung neben der Behandlung in der Werteerziehung werden."

Annette Boeger, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Duisburg-Essen, hält es für richtig, Kindern das Thema schon in der Grundschule nahezubringen: "Es geht hierbei um Empathie, und das ist eine zentrale Kompetenz, die bereits im Kindergarten eingeübt werden sollte." Auch Maria Mammen, Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, findet es nicht zu früh, solche moralischen Themen im Grundschulalter zu diskutieren. Wichtig seien konkrete Handlungsanweisungen für die Kinder: "Da geht es um Fragen wie: Wie rufe ich einen Krankenwagen, wie bitte ich Erwachsene um Hilfe?"

In Schulbüchern zur Verkehrserziehung spielt der Begriff "Gaffen" bisher kaum eine Rolle. Erste Hilfe sei in "Partner auf der Straße" aber mehrfach Thema, sagt eine Sprecherin des Ernst-Klett-Verlags. "Ein Aspekt ist das Thema Vorausschauen – also die Situation erfassen, den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen und entsprechende Hilfe herbeizuholen." Dass Gaffen nicht explizit erwähnt sei, liege auch daran, dass das Buch vor etwa 15 Jahren konzipiert wurde: "Da spielte der Begriff noch keine Rolle."

Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hält die Gaffer-Prävention im Kindesalter inzwischen durchaus für sinnvoll. "Im Idealfall könnte man damit erreichen, dass Eltern, die an einem Unfall vorbeifahren und das Smartphone zücken, vom Rücksitz aus hören: "Das dürfen wir nicht"", sagt Rainer Nachtigall, DPolG-Landesvorsitzender in Bayern. "Das würde auch Kinder sensibilisieren, die heute schon im Grundschulalter fast zu 100 Prozent ein Smartphone haben." Er könne sich sogar vorstellen, das Thema Gaffen in die Auftritte der Verkehrspuppenbühne in Kindergärten einzubauen, sagt Nachtigall.

"Letztlich geht es um die einfache Frage: "Kann ich helfen?"", sagt Bilderbuch-Zeichner Bachmeier. "Wenn ich das mit Nein beantworte, sollte ich wegbleiben." Er selbst habe vor 40 Jahren auf der Autobahn nahe München bei einem tödlichen Unfall einem Verletzten geholfen, sagt er. "So einen Menschen nicht allein zu lassen, einen Notruf abzusetzen oder ein Warndreieck aufzustellen – das fällt alles unter Hilfeleistungen." Mit seinem Bilderbuch will er dazu beitragen, dass das selbstverständlicher wird – jedenfalls üblicher als die Meldungen über Gaffer, die ihn so zornig machen.