Hamburg (dpa) l Zwar hat die Rote Flora mit der revolutionären 1. Mai-Demo am kommenden Dienstag in Hamburg nichts zu tun – dennoch blickt an diesem Tag alles auf das linksautonome Kulturzentrum im Schanzenviertel. Zu frisch noch die Bilder von den Krawallen beim G20-Gipfel im Juli vergangenen Jahres, als in der Straße vor dem seit fast 30 Jahren besetzten Theaterbau aus dem 19. Jahrhundert pure Zerstörungswut und trunkene Lust auf Randale tobte, sich ein Mob plündernd und brandschatzend über Stunden des Viertels bemächtigte. "Bambule" – so nennt man das in Hamburg – gab es in geringerem Ausmaß in der Schanze schon oft, immer wieder auch rund um den 1. Mai, wenn auch die vergangenen Jahre ruhiger waren.

Die Krawalle vom vergangenen Juli dürften in diesem Jahr für Zurückhaltung der Linksextremen am 1. Mai sorgen, glaubt man bei der Polizei Hamburg. "Die Gewalteskalation bei G20 hat die linke Szene Unterstützung gekostet", sagt Sprecher Timo Zill. "Eine erneute Eskalation wäre sicherlich nicht mehr zu vermitteln." Deshalb gehe er von einem friedlichen Verlauf aus.

1500 angemeldete Teilnehmer

Die revolutionäre 1. Mai-Demo will eine "klassenkämpferische Alternative zum DGB-Aufmarsch" sein. Anmelder ist eine Person aus dem Umfeld des Roten Aufbau Hamburg – laut Verfassungsschutz eine gewaltorientierte Gruppe. 1500 Teilnehmer sind angemeldet, sie sollen vom Hauptbahnhof Richtung Wandsbek ziehen – weit weg von der Schanze. "Wir gehen mit einer professionellen Gelassenheit in den Einsatz, werden die Demonstration aber mit den nötigen Kräften begleiten", kündigt Zill an.

Jeder Gewaltausbruch, zu dem es bei der Maikundgebung in Hamburg kommt, hat direkte Auswirkungen auf das linksautonome Kulturzentrum. Denn die Rote Flora ist viel zu sehr Sinnbild des Linksextremismus in der Stadt und die Stimmung nach G20 noch immer zu aufgeheizt für trennscharfe Betrachtungen.

Alltag eingekehrt

Dabei ist in das hippe Szeneviertel in den vergangenen Monaten wieder Alltag eingekehrt. Spuren der Verwüstungen vom Juli sind kaum mehr zu sehen. Nur das Sparkassengebäude gleich neben der Flora, in dem das Erdgeschoss bei den G20-Krawallen ausbrannte, wird derzeit noch abgerissen, damit dort ein Neubau entstehen kann.

So mancher in der Stadt würde auch das Projekt "Rote Flora" am liebsten dem Erdboden gleichmachen. CDU und AfD fordern die Schließung. Auch dem damaligen Bürgermeister und heutigem Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) riss nach den Krawallen der "Geduldsfaden", wie er sagte. Er gab den Linksautonomen aus der Flora eine Mitschuld an den G20-Krawallen, obwohl diese nicht belegt war. Laut Polizeipräsident Ralf Martin Meyer spielte die Flora gar keine aktive Rolle.

Zukunft in Diskussion

Jeder in der Stadt weiß, dass eine Änderung des Status quo nicht gewaltlos geschehen könnte. Dennoch steht die Zukunft des Zentrums seit den G20-Krawallen zumindest wieder in der Diskussion, wenn nicht infrage. Scholz' Nachfolger Peter Tschentscher (SPD) schlägt zwar versöhnlichere Töne an und sieht in den Ausschreitungen bei G20 einen bedauerlichen "Rückfall", den es zu überwinden gelte. Ein weiterer Rückfall wäre Wasser auf die Mühlen der Flora-Gegner und für Tschentscher – erst ein paar Wochen im Amt – sicher ein Problem, das den Handlungsdruck weiter erhöhen würde.

"Das war ja ein Thema, mit dem hatte sich die Stadt schon fast versöhnt", sagt er kürzlich bei einem Talk-Abend von "Bild" und "Welt". "Es soll ja in Hamburg friedlich und konsensorientiert weitergehen, und deshalb darf man jetzt nicht zündeln", warnt der Bürgermeister und trifft damit offenbar das Gefühl der Stadt. Laut einer von den Zeitungen in Auftrag gegebene Umfrage sind 56 Prozent der Hamburger gegen ein hartes Vorgehen.

Gewaltbereite Partytouristen

Unschöne Bilder aus der Schanze drohen am 1. Mai laut Polizei aber auch von mehr oder minder unpolitischer Seite: "Besonders schauen wir auch auf gewaltbereite Partytouristen", sagt Zill. Die hatten auch bei den Ausschreitungen und Plünderungen im Juli zahlreich mitgemischt. Deshalb werde die Polizei auch im Bereich der Flora wieder Präsenz zeigen. "Denen zeigen wir die gelbe Karte. Und wenn es erforderlich ist, wird es auch schnell eine Rote geben."