München (dpa) l Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe hat bestritten, an den NSU-Morden im Jahr 2001 beteiligt gewesen zu sein. Das geht aus Zschäpes Aussage hervor, die ihr Anwalt Mathias Grasel am Mittwoch im NSU-Prozess verlas. Ihre Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten sie nicht darüber informiert. Als sie hinterher davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen.

Zschäpe schilderte bei der Aussage ihre Zeit als Jugendliche in Jena, Probleme mit der Mutter, das Abdriften in die rechte Szene, die Liebesbeziehungen zu Böhnhardt und Mundlos und das gemeinsame Untertauchen 1998. Zschäpe stellte sich dabei als passiven Part dar. Sie wies den Vorwurf der Anklage zurück, ein gleichgeordnetes Mitglied des NSU gewesen zu sein. Sie sieht sich im juristischen Sinne also als unschuldig an und räumte lediglich ein: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte."

Überfälle aus Geldmangel

Nach ihrem Untertauchen hätten die drei in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden, berichtete Zschäpe. Das Geld sei ihnen ausgegangen. Deshalb hätten Mundlos und Böhnhardt mit Überfällen begonnen. Zschäpe bestreitet, daran beteiligt gewesen zu sein. Sie habe diese Überfälle akzeptiert und davon profitiert. Anders sei es mit den Morden gewesen.

Vom ersten Mord an dem türkischen Blumenhändler Enver Simsek am 9. September 2000 habe sie erst drei Monate später erfahren. Sie sei fassungslos gewesen. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe Böhnhardt und Mundlos erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten die beiden mit Selbstmord gedroht. Auch von den weiteren Morden und Anschlägen will sie immer erst im Nachhinein gehört haben.

Als sie von dem zweiten und dritten Mord – im Juni 2001 in Nürnberg und Hamburg – erfahren habe, sei ihr klar geworden, "dass ich resigniert hatte". Zschäpe erklärte: "Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war." Sie sei von den Taten abgestoßen gewesen, habe sich aber nach wie vor zu Böhnhardt hinzogen gefühlt. Sie habe sich dem Schicksal hingegeben, weiter mit den beiden Männern zu leben. "Nicht sie brauchten mich, ich brauchte sie."

Zschäpe schwieg aus Angst

Zschäpe äußerte sich auch zu dem letzten NSU-Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn, der bis heute viele Fragen aufwirft. Böhnhardt und Mundlos hätten erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten. Ein Polizist hatte den Angriff überlebt. Sie habe versucht, Mundlos und Böhnhardt vom Morden abzuhalten, erklärte Zschäpe. "Ich erinnere mich, dass ich stundenlang auf sie einredete, mit dem Töten aufzuhören." Sie habe immer wieder mit dem Gedanken gespielt, zur Polizei zu gehen und das Leben im Untergrund zu beenden. Doch wegen der Selbstmorddrohung ihrer Freunde sei die Lage für sie unlösbar gewesen.

Polizei und Geheimdienste waren den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen jahrelang nicht auf die Spur gekommen – auch wegen gravierender Ermittlungsfehler. Erst im November 2011 flog das Trio nach einem Banküberfall in Eisenach auf. Zschäpes mutmaßliche Komplizen Mundlos und Böhnhardt töteten sich nach bisherigen Erkenntnissen damals selbst, um einer Festnahme zu entgehen. Seit Mai 2013 steht Zschäpe in München vor Gericht. Seit Prozessbeginn hatte sie bislang beharrlich geschwiegen. Neben ihr sind vier mutmaßliche Unterstützer angeklagt.