Ablauf des Anschlags in Orlando

Kurz vor 2 Uhr in der Nacht zum Sonntag: Der Attentäter Omar Mateen ist von seinem rund 180 Kilometer entfernten Wohnort Fort Pierce angereist und stellt seinen Wagen auf dem Parkplatz des Schwulenclubs „Pulse“ ab. Er ist mit einem Sturmgewehr des Typs AR-15, einer Handfeuerwaffe und großen Mengen Munition bewaffnet.

Kurz nach 2 Uhr: Mateen eröffnet in dem Club, in dem gerade eine Latino-Nacht gefeiert wird, das Feuer. Nach den ersten Schüssen verlässt er den Club. Draußen gerät er in ein Feuergefecht mit einem Polizisten, der außerhalb seines Dienstes als Sicherheitsmann im „Pulse“ arbeitet. Der Täter stürzt in das Innere des Clubs zurück. Zahlreichen Menschen gelingt derweil die Flucht auf die Straße. Andere verstecken sich in den Toiletten, von wo aus sie per Anruf oder SMS um Hilfe rufen. Bald treffen weitere Polizisten zur Verstärkung ein. Sie stürmen in das Innere des Clubs und liefern sich eine Schießerei mit dem Täter. Mateen flüchtet in eine Toilette, wo er vier oder fünf Menschen als Geiseln nimmt.

Gegen 3 Uhr: Erst jetzt veröffentlicht der Club eine Warnung auf seiner Facebook-Seite: Jeder solle den Club verlassen und „immer weiterlaufen“. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei und ein gepanzertes Fahrzeug sind inzwischen vor dem Club angekommen. Mateen ruft die Notrufnummer 911 an und bezeichnet sich als Gefolgsmann der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS).

Zwischen 3 und 5 Uhr: Unterhändler der Polizei telefonieren mit dem Täter. Mateen spricht nach Angaben der Polizei davon, dass er eine Sprengstoffweste trage und überall in dem Club Sprengstoff platziert sei. Die Polizei fürchtet um das Leben der Geiseln und beschließt deshalb, sie mit Gewalt zu befreien.

Gegen 5 Uhr: Mittels einer „kontrollierten Sprengung“ will die Polizei ein Loch in der Wand zu einem WC öffnen, das gegenüber jenem liegt, wo Mateen mit seinen Geiseln verschanzt ist. In dieser zweiten Toilette haben sich 15 Menschen versteckt, die in telefonischem Kontakt zur Polizei standen. Doch die Sprengung misslingt. Stattdessen setzt das Kommando nun das gepanzerte Fahrzeug ein, um die Mauer auf etwa einem Meter Breite einzureißen. Der Täter stürmt durch das Loch ins Freie und schießt auf die Polizisten. In dem Feuergefecht wird er getötet. Eine Kugel des Täters trifft einen Polizisten am Kopf, doch dank seines Helms kommt der Beamte mit dem Leben davon. Etwa 30 Menschen werden bei dem Einsatz aus dem Nachtclub befreit. 49 Menschen und der Täter sind tot, mehr als 50 verletzt.

Quelle: AFP

Orlando (dpa) l Hatte Omar Mateen Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS)? Wenn ja, wie tief? War er ein Sympathisant, ein Verwirrter, psychisch krank? War sein Hass auf Homosexuelle auch politisch oder religiös motiviert, als er 49 Menschen das Leben nahm? War er gar ein „einsamer Wolf“, der sich über Internetpropaganda radikalisiert und zur Tat schreitet, ohne direkte Unterstützung einer Organisation zu haben.

Am Tag nach dem schlimmsten Terrorangriff eines Einzeltäters in den USA seit 9/11 sind all diese Fragen unbeantwortet. Wer war er?

1986 wird Omar Mateen im Bundesstaat New York geboren, seine Eltern stammen aus Afghanistan. Die Familie zieht nach Florida, da ist Mateen noch ein Kind.

2006 macht Mateen einen College-Abschluss in Kriminaltechnologie. Ein Jahr später beginnt er bei G4S, einem der größten Sicherheits- unternehmen. G4S sagt, man habe Mateen gründlich überprüft und durchleuchtet, keine Auffälligkeiten. Fotos bei Myspace zeigen Mateen mit einem Shirt des NYPD, des New York Police Department, die man in New York an jeder Ecke kaufen kann.

2009 heiratet Mateen, kauft eine Wohnung. Bis hierhin sieht alles ganz stabil aus, soweit man das sagen kann. War es aber nicht.

Nur zwei Jahre später wird Mateen von seiner Frau Sitora Yusufiy geschieden. Im Fernsehen beschreibt sie den Ex-Mann als psychisch labil und krank und sehr gewalttätig. Regelmäßig habe er sie geschlagen, weil sie die Wäsche nicht gemacht habe oder warum auch immer, und sie wie eine Geisel gehalten. Seit der Scheidung habe sie keinen Kontakt mehr gehabt.

2013 wird das FBI auf den Mann aufmerksam. Mitarbeiter Mateens berichten den Ermittlern laut „New York Times“, er habe mit terroristischen Verbindungen geprahlt. Mateen wird überwacht, zwei Mal vernommen, durchgecheckt, ohne Ergebnis. Die Ermittlungen werden eingestellt.

2014 entdeckt das FBI eine dünne Verbindung zwischen Mateen und Moner Mohammad Abusalha, dem ersten amerikanischen Selbstmordattentäter in Syrien, Kämpfer der Al-Nusra-Front. Wieder enden die Ermittlungen ohne Ergebnis.

Kann das als ein ausreichender Beleg für Verbindungen in Terrorismus und Islamismus gelten? Sein Vater Siddique Mir Mateen beschreibt den Sohn als nicht sehr religiös, kann sich ein Motiv aus Glaubensgründen nicht vorstellen.

Der Vater sagt, sein Sohn habe extreme Probleme mit Homosexuellen gehabt. Sein Sohn sei einmal fast ausgerastet, als sich in Miami zwei Männer öffentlich geküsst und berührt hätten. „Schau Dir das an. Sie tun das und mein Sohn sieht zu“, habe Omar gesagt.

Diesen Sohn, so schreibt die Tageszeitung „Washington Post“, habe Mateen mit einer zweiten Frau gehabt, auch sie habe ihn verlassen, wolle sich nicht äußern.