Berlin (dpa) l Kaum waren die ersten Zahlen zur Wahl draußen, war der Galgenhumor da: Jetzt müsse das Fernsehen einen Brennpunkt "Der ostdeutsche Mann" senden, forderte ein Twitter-Kommentar. Bei den Männern in Ostdeutschland war die AfD laut der Wahlforscher von Infratest dimap vom Sonntag mit 26 Prozent die stärkste Partei – das waren 13 Prozentpunkte mehr als bei den Männern im Westen.

Wissenschaftler sind wenig überrascht. Was bei Donald Trump der zornige weiße Mann in den Appalachen war, ist bei der AfD der zornige Ossi im Erzgebirge – eine starke Wählergruppe. In den Medien ist die Debatte über den Osten nicht neu: "Was ist los mit dir, Ossi?", fragte der "Spiegel" im Sommer, geschrieben von Jochen-Martin Gutsch, der selbst aus der DDR kommt.

Eine Studie stellte bereits 2007 die "Not am Mann" im Osten fest – es ging um die neue Unterschicht, die entstand, nachdem so viele junge Frauen nach 1990 abwanderten. Die Frauendefizite seien europaweit ohne Beispiel, hieß es. Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands reichten nicht an die ostdeutschen Werte heran. Die von Helmut Kohl beschworenen "blühenden Landschaften" sind auch 2017 für manche noch weit weg.

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Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, verweist auf den relativ hohen Anteil an Frustrierten. Diese hätten die AfD als Protestpartei gewählt, nicht wegen des Programms. Viele Männer in der Altersgruppe, die noch die Vollbeschäftigung zu DDR-Zeiten erlebten, hätten nach dem Mauerfall ihre Malocher-Jobs verloren. "Das waren die Verlierer des Wandels", sagt Klingholz. Schlecht qualifiziert, ohne Job und ohne Frau – das sei keine gute Mischung in dem Alter.

Der Görlitzer Soziologe Raj Kollmorgen sieht eine "komplexe Gemengelage" bei den Männern. Zum einem nennt er das Problem durch die Abwanderung der Frauen, die Männer sind die Zurückbleibenden. "Das ist ein Gefühl, das die Psyche hart treffen kann." Dazu kommt die wirtschaftlich-soziale Lage. Seit 1990 hat diese Gruppe laut Kollmorgen permanent das Gefühl, dass ihnen etwas weggenommen werde – etwa durch die Hartz-IV-Reform. Dann kamen die Flüchtlinge, nach dem Motto: "Die kriegen es jetzt hinten hinein, und wir müssen für jeden Cent kämpfen." Dass das nicht stimme, sei für diese Wähler irrelevant.

Wende-Verlierer werden Protestwähler

Gewaltbereitschaft und radikalere Ansichten: Das sei unter ostdeutschen Männern stärker vertreten als unter westdeutschen, sagt der Leipziger Rechtsextremismusforscher Oliver Decker – "und auch vor allem unter jüngeren Männern". Dabei spielt für ihn besonders die politische Wende nach dem Ende der DDR eine Rolle, die nicht aufgearbeiteten persönlichen Verluste. "Die Männer würden aber nicht AfD wählen oder rechtsextreme Positionen beziehen, wenn das nicht auch von einem Umfeld – und dazu gehören auch Frauen – mit honoriert würde."

Infografik: Warum die AfD drittstärkste Kraft wurde | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) ist vom starken Abschneiden der AfD "überhaupt nicht" überrascht. "Im Osten gewinnt man keine Wahl, aber man kann sie dort verlieren", sagt Köpping. Das Wahlergebnis hat für sie viel mit der Wut aus der Nachwendezeit zutun.

Köpping warnt davor, diese Wähler als "Abgehängte" zu stigmatisieren. "Es geht um eine ganze Generation." Es gebe viel Verbitterung, etwa über die Ungerechtigkeit bei der Rente. Bei einem Dorffest am Wochenende habe sie gerade erlebt, wie Leute mit fünf oder sieben Euro herumkrebsten. Und zum Thema Flüchtlinge – da kennt die Ministerin einen Satz von den Sachsen besonders gut: "Integriert doch erstmal uns."

Hier geht es zum aktuellen Kommentar von Volksstimme-Chefredakteur Alois Kösters zur Bundestagswahl 2017.

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