Hamburg l Die Spannung ist kaum zu überbieten. Um 16.55 Uhr steht fest: Annegret Kramp-Karrenbauer hat es geschafft. Mit 517 zu 482 Stimmen setzt sie sich in der Stichwahl knapp gegen Friedrich Merz durch. Nach Verkündigung des Ergebnisses brandet bei ihren Anhängern Riesenjubel auf. Die 56-Jährige bedankt sich bei den anderen Kandidaten, bei Merz und Gesundheitsminister Jens Spahn. „Das war ein fairer Wettbewerb, den wir uns geliefert haben“, sagt sie.

Im ersten Wahlgang hatte Kramp-Karrenbauer 450 Stimmen geholt, Merz 392 und Spahn 157.

Merz und Spahn zeigen sich als faire Verlierer. Merz, mit donnerndem Applaus bedacht, sagt: „Ich bin gern bereit, diese Partei – dort, wo es gewünscht ist – zu unterstützen und ihr zu helfen.“ Er bittet jetzt um „volle Unterstützung“ für Kramp-Karrenbauer.

Ungeahnte Energie beim Dreikampf

Schon am frühen Morgen ist zu spüren gewesen, dass dies ein ganz besonderer Tag für die Union wird. Die Atmosphäre ist spannungsgeladen, die Luft vibriert. Der Dreikampf hat ungeahnte Energie in der CDU freigesetzt.

Hinter dem Präsidium prangt das Parteitagsmotto, von Angela Merkel persönlich gewählt: „Zusammenführen. Und zusammen führen.“ Schon bei der Begrüßung wird Merkel, die nach 18 Jahren nicht mehr für den Vorsitz antrat, gefeiert. Bevor sie auch nur ein Wort gesagt hat, springen die Delegierten auf von ihren Sitzen und applaudieren lange. Merkel lächelt, genießt den Beifall. Dann hält sie eine sehr emotionale Rede. Eine, die unprätentiös daherkommt, gewürzt mit einer Prise Selbstironie. Bewegt schließt sie mit den Worten: „Es war mir eine große Freude. Es war mir eine Ehre.“ Knapp 10-minütiger Jubel brandet auf. Delegierte weinen. Merkel atmet tief durch, auch sie kämpft mit den Tränen.

Die Vorstellung der drei Kandidaten am Nachmittag – keiner gibt sich eine Blöße. Annegret Kramp-Karrenbauer spricht leidenschaftlich, selbstbewusst, gut strukturiert. Sie ruft die CDU zu mehr Mut auf. Die Partei dürfe nicht Schwarzmalern hinterherlaufen, sondern müsse auch gegen den Zeitgeist Kurs halten, sagt die frühere saarländische Ministerpräsidentin. Sie, die Merkel-Vertraute, weiß, dass ihr manch einer diese Nähe anlastet. „Ich bin keine Kopie“, hält sie dem entgegen. „Ich stehe hier, wie ich bin, und wie mich das Leben geformt hat.“

Friedrich Merz (63), Heilsbringer der Konservativen, ruft in einer angriffslustigen Rede die Partei zu einer Erneuerung auf. „Von diesem Parteitag muss ein Signal des Aufbruchs und der Erneuerung unserer Partei ausgehen“, sagt er. Seine Rede wirkt nicht so ausgefeilt wie die von Kramp-Karrenbauer, dafür aber klarer in der Ansprache. Er fordert einen „Strategiewechsel“ beim Umgang mit Themen, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Wettbewerber und in der Kommunikation mit den Bürgern. „Ohne klare Positionen bekommen wir keine besseren Wahlergebnisse“, sagt er.

Standing Ovations für Kandidaten

Als einziger Kandidat geht Merz direkt auf die AfD ein. Diese sitze inzwischen im Bundestag und allen Landesparlamenten. „Dieser Zustand ist für mich einfach unerträglich“, sagt der frühere Unionsfraktionschef (2000 bis 2002). Mit Blick auf die im nächsten Jahr anstehenden Landtagswahlen sagt er: „Wir überlassen den Osten unseres Landes nicht den Populisten von rechts und links.“ Er und Kramp-Karrenbauer bekommen Ovationen im Stehen.

Die CDU brauche kein „Weiter so“ und „kein Zurück in die Vergangenheit“, sagt Jens Spahn (38) zu den Delegierten. Auch er hält eine gute Rede, wirkt lockerer als in manch einer der Regionalkonferenzen – und holt letztlich einen Achtungserfolg. „Was wir brauchen, ist eine Idee für die Zukunft, einen Perspektivwechsel.“ Ihn treibe die Frage um, wie Deutschland im Jahr 2040 aussehe werde.

18 Delegierte aus Sachsen-Anhalt haben mitgewählt. Was meinen sie zum Ergebnis? Uwe Bruchmüller sagt, dass Merz „zum jetzigen Zeitpunkt die bessere Antwort auf die großen Herausforderungen“ gewesen wäre. Er hoffe nun, dass Kramp-Karrenbauer lernen werde, „die Menschen im Osten Deutschlands mitzunehmen“. Ernst Isensee hat Kramp-Karrenbauer gewählt. Er hebt hervor, dass die Unterlegenen ihre Mitarbeit angeboten haben.

CDU-Landeschef Holger Stahlknecht sagt, die Union habe „durch eine offene und faire Diskussionskultur aufgerüttelt und Dynamik erzeugt“. Generalsekretär Sven Schulze äußert die Hoffnung, „dass diese Aufbruchstimmung anhält“. Sachsen-Anhalts CDU hatte als einziger Landesverband eine unverbindliche Mitgliederbefragung vorgenommen. Aus dieser ging Friedrich Merz mit 55,8 Prozent als Sieger hervor.