Berlin (dpa) l Den Kriegsverlierern sollte dieser Anblick nicht erspart werden. Als am 28. Juni 1919 die deutsche Delegation in den Spiegelsaal von Versailles tritt, stehen fünf französische Soldaten in den Fensternischen. Ihre von Narben versehrten Gesichter, so will es Premier Georges Clemenceau, sollen den Herren aus Berlin das Ausmaß des Leidens vor Augen führen, das Deutschland von 1914 bis 1918 über Frankreich gebracht hat. Im Angesicht der „zerhauenen Visagen“, der „gueules cassées“, wird vor 100 Jahren das Ende des Ersten Weltkriegs besiegelt.

Vertreter aus 32 Staaten sind Anfang 1919 für die Verhandlungen nach Paris gekommen. In der französischen Hauptstadt geht es nicht aber nur um Deutschland. Mit dem Krieg ist das gesamte Staatensystem ins Rutschen geraten. Überall gärt es. So erwartet die Siegermächte in Paris eine gewaltige Aufgabe: Ein globaler Krieg muss in eine globale Friedensordnung überführt werden.US-Präsident Woodrow Wilson gilt als Hoffnungsträger. Der demokratische Politiker und bekennende Christ muss aber genauso vor dem Kongress in Washington Rechenschaft ablegen wie der britische Premier David Lloyd George vor dem Parlament in London.

Auch Frankreichs Premier Clemenceau steht unter Beobachtung. Die Erwartungen an ihn sind groß. Ein Vertrag mit Deutschland muss die immensen Opfer widerspiegeln, die Frankreich im Krieg erbracht hat. Auch deswegen inszeniert der frühere Journalist die Unterzeichnung in Versailles als Tag der Revanche. Dort, wo am 18. Januar 1871 Wilhelm I. das Kaiserreich ausgerufen und damit Frankreich gedemütigt hat, sollen die Deutschen nun selber die Schmach der Niederlage spüren.

Dabei hatte nach der Waffenruhe vom 11. November 1918 das Deutsche Reich noch auf Verständigung gehofft. Als Hoffnungsträger gilt der Mann aus dem Weißen Haus. In seinem 14-Punkte-Plan proklamiert Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Er strebt einen Völkerbund an und ein globales Friedenssystem. Auch die Deutschen wollen dabei sein. Dabei erliegen sie aber einem Trugschluss. Gebietsverluste, Reparationszahlungen, militärische Beschränkungen – der Friedensschluss fällt drakonisch aus. Weder Panzer noch eine Luftwaffe darf Deutschland besitzen, das Heer nicht mehr als 100 000 Soldaten unter Waffen haben. Westpreußen und das Oberschlesische Kohlerevier fallen an Polen, Elsass-Lothringen zurück an Frankreich genauso wie die Kolonie Neukamerun in Zentralafrika. Das Pachtgebiet Kiautschou in China wird unter japanisches Mandat gestellt. Das Hultschiner Ländchen im Südosten kommt zur Tschechoslowakei, das Memelgebiet unter die Kontrolle der Alliierten. Danzig wird dem Völkerbund unterstellt und dem polnischen Zollsystem eingegliedert.

Nach einer Reihe internationaler Konferenzen wird dem Deutschen Reich im Mai 1921 in London ein Gesamtbetrag der Reparationen in Höhe von 132 Milliarden Mark auferlegt. Nicht nur in Deutschland reagiert man mit Entsetzen. Für den späteren US-Präsidenten Herbert Hoover ist der Vertrag „von Hass und Rache“ geleitet. Der Ökonom und britische Delegationsberater John Maynard Keynes fordert Hilfen für Deutschland statt Milliardenzahlungen. Dabei wollen einige in Frankreich noch mehr Härte. Marschall Ferdinand Foch spricht sich für eine Auflösung des Reichs und eine Angliederung der linksrheinischen Gebiete an Frankreich aus. Sonst werde sich der Frieden nur als „zwanzigjähriger Waffenstillstand“ erweisen.

Munition gegen Demokratie

Tatsächlich liefert „Versailles“ den Republikfeinden in Deutschland Munition gegen die Demokratie. Freikorps und Militärs, die alten Eliten, aber auch Linke laufen Sturm gegen das „Friedensdiktat“ und die „Fesseln von Versailles“. Die These jedoch, dass die „unbewältigte Niederlage“, wie sie der Historiker Gerd Krumeich nannte, Hitlers Weg an die Macht bahnte, wird heute als Mythos hinterfragt. Der Vertrag sei nicht die Ursache für Hass auf die Republik gewesen, sagt der Historiker Eckart Conze. Er habe allerdings den antirepublikanischen Kräften Nahrung geliefert.

Kommentar 'Lunte mit Vertrag nicht ausgetreten' zum Thema