Berlin (dpa/aw) l Die Familienministerin wird laut, leidenschaftlich, fast inbrünstig: Ja, ihr Förderprogramm sei nicht riesig, und es sei auch erstmal befristet. Aber sie fange wenigstens an, sagt Franziska Giffey (SPD) am Dienstag in einer Berliner Schule – andere müssten nachziehen.

Man hat fast den Eindruck, die Ministerin sei auf einem Feldzug. Die Ausgangssituation ist in der Tat kritisch: Deutschlands Kitas gehen die Erzieher aus. Einer Studie für das Familienministerium zufolge werden bis 2030 fast 200.000 Fachkräfte in Kindergärten und Grundschulen fehlen.

Nirgends ist das Kita-Personal dabei älter als in Sachsen-Anhalt. Knapp die Hälfte der landesweit 18.000 Erzieher und pädagogischen Mitarbeiter ist nach Angaben des Sozialministeriums älter als 50. Viele Kollegen scheiden in den kommenden Jahren aus. Durch das neue Landes-Kita-Förderungsgesetz wächst der Stellenbedarf nun auch noch zusätzlich – um etwa 600 ab Mitte 2019. Grund: Das Land will den Beruf schon länger attraktiver machen: So werden ab Mitte 2019 Krankheitstage erstmals im Personalschlüssel berücksichtigt.

Bundesweit sind noch immer schlechte Bezahlung in der Ausbildung und zu wenig Aufstiegschancen die Gründe für den Erzieher-Mangel, sagt Bundes-Ministerin Giffey gestern in Berlin. Um den Beruf interessanter zu machen, hat sie ein Bundes-Förderprogramm aufgelegt. Das Ziel: „Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben.“

Ausbildungsvergütung

Derzeit bekommt nicht einmal jeder fünfte Erzieher-Azubi während der Ausbildung Geld, teils müssen sie sogar Schulgeld zahlen. In anderen Berufen werden Azubis besser bezahlt, deshalb entscheiden sich viele, die eigentlich interessiert wären, dann doch gegen die Erzieher-Ausbildung. Giffey will, dass mehr Erzieher-Azubis vergütet werden. Der Bund fördert in zwei Jahrgängen 5000 Fachschüler: Im ersten Ausbildungsjahr bekommen sie sie 1140 Euro brutto, im zweiten 1202 Euro, im dritten 1303 Euro. Das Geld kommt allerdings nur im ersten Ausbildungsjahr komplett vom Bund. Im zweiten Jahr müssen die Träger 30 Prozent, im dritten Jahr 70 Prozent zuschießen.

Ausbildungsqualität

Auch die Betreuung in den Kitas soll besser werden, damit weniger angehende Erzieher ihre Ausbildung abbrechen. Dafür sollen mehr Mentoren ausgebildet werden, die in den Kitas mit den jungen Leuten arbeiten. Der Bund übernimmt hier Fortbildungskosten und finanziert, dass die Mentoren Zeit bekommen, sich um die Azubis zu kümmern.

Aufstiegsbonus

Fast jeder vierte Nachwuchs-Erzieher steigt in den ersten fünf Jahren aus dem Beruf aus. Das liegt laut Giffey auch an mangelnden Aufstiegschancen. Erzieher im öffentlichen Dienst verdienen als Einstiegsgehalt aktuell rund 2680 Euro brutto. Giffey kündigt einen Aufstiegsbonus von bis zu 300 Euro an, wenn sie besondere Aufgaben übernehmen.

Das Geld

Von Mitte 2019 bis 2022 will der Bund für diese Maßnahmen insgesamt rund 300 Millionen Euro investieren. Das Geld gibt es zusätzlich zu den 5,5 Milliarden Euro aus dem sogenannten Gute-Kita-Gesetz.

Doch es ist klar, dass damit nicht so viele Erzieher gefördert werden können, wie man eigentlich bräuchte. Giffey setzt deshalb darauf, dass Länder und Kommunen zusätzliche Beiträge leisten. „Wir wollen, dass da mehr mit aufspringen“, sagt sie. Das Bundesgeld könne nur ein zusätzlicher Impuls sein, sie wolle keine Länderkompetenzen an sich ziehen. Im Bundeshaushalt sind für 2019 nur 40 Millionen Euro für das Programm vorgesehen. Der Rest muss in den nächsten Jahren noch bewilligt werden.

Die Reaktionen

Das Landes-Sozialministerium begrüßt das Bundes-Programm:

„Angesichts des Fachkräftebedarfs ist es wichtig, Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen attraktiver zu machen“, sagte Sprecherin Ute Albersmann.

Mithilfe des Bundes habe das Land bereits eigene Modellprojekte gestartet, um mehr Bewerber für den Erzieherberuf zu gewinnen, dazu gehöre eine vergütete Ausbildung für Berufs-Quereinsteiger. Die Forderung der Bundesministerin nach stärkerem Engagement der Länder nehme man ernst, hieß es weiter. Zunächst seien aber die exakten Rahmenbedingungen für das Bundesprogramm der Familienministerin abzuwarten. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund lobte Giffeys Programm als guten Schritt. „Wer mehr und bessere Kitas will, darf beim Personal nicht sparen“, erklärte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack.

Kritik dagegen kam aus der Opposition: Die angekündigten 300 Millionen seien viel zu wenig, um den Fachkräftemangel in den Kitas zu beseitigen, erklärte der Linken-Abgeordnete Norbert Müller. Auch der FDP-Abgeordnete Matthias Seestern-Pauly bezeichnete Giffeys Programm als unzureichend. „Denn weder erreicht sie die breite Masse, noch verbessert sie die konkreten Arbeitsbedingungen vor Ort“, kritisierte er.