Die Kurdin Delal Atmaca und der Schwarzwälder Klemens Gutmann haben eines gemeinsam: Beide verließen als Kinder ihre Heimat. Atmaca ging mit den Eltern von der Türkei nach Deutschland, Gutmann mit der Familie nach Spanien. Und machten unterschiedliche Erfahrungen, die sie am Mittwoch bei einem Forum in Magdeburg mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) austauschten.

Heute leben Delal Atmaca und Klemens Gutmann in Sachsen-Anhalt. Sie ist Chefin des bundesweiten Migrantinnen-Netzwerks DaMigra, Gutmann Unternehmer und Arbeitgeber-Chef im Land.

Die Kurdin erlebte als Kind in Westberlin in den 1970er Jahren, wie statt Integration eine Parallelgesellschaft geradezu gezüchtet wurde. Integration war damals nicht das Ziel. Die bundesdeutsche Politik hoffte, dass die Gastarbeiter wieder zurück in ihre Heimat gehen würden. Nichts da: Millionen blieben hier. Zwar hätten die Kinder schnell die Sprache gelernt, aber wir nicht gemeinsam mit deutschen Altersgefährten, sondern in separaten Klassen.

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„Danach wurden wir alle in die Hauptschule abgeschoben“, erinnert sich Atmaca ungern an jene Zeit. Auch die Wohnquartiere von Ausländern und Deutschen seien streng abgegrenzt gewesen. Daraus müsse man lernen, meint die Soziologin: Die Politik dürfe keine Enklaven zulassen.

Der Regierungschef von Sachsen-Anhalt will das auch nicht. Haseloff zeigt sich froh darüber, dass im Land kein Flüchtling mehr in einem Zelt lebe, nur noch eine Turnhalle werde zur Unterbringung genutzt. „Ich bin froh, dass dies mit vielen Haupt- und Ehrenamtlichen gelungen ist.“ Nun gehe es um die nächste Stufe. „Wir müssen aus der Notsituation heraus.“ Beim Umschalten auf den „Integrationsmodus“ sei man aber bis auf Sprachkurse noch nicht in Tritt gekommen.

„Uns muss etwas einfallen“, erklärt der Regierungschef ziemlich schwammig und verweist auf die 90  000 Langzeitarbeitslosen, die es ohnehin im Land gebe. Angesprochen auf die von ihm genannten 12  000 Flüchtlinge, die er in Sachsen-Anhalt für integrierbar hält, meint er: „Das ist die realistische Zahl, wo wir sagen können: Das kriegen wir hin.“ Auch um, „das Land politisch stabil zu halten“, erklärt Haseloff unter Verweis auf die steigenden Umfragewerte für die AfD. Wer nach Deutschland komme und hier dauerhaft leben wolle, müsse sich allerdings auch an die Spielregeln halten, die das Rechtssystem vorgebe.

Sogenannte Integrationsverträge auf Grundlage des Sozialgesetzbuches beinhalteten Verpflichtungen für Staat und Flüchtling: Die Arbeitsagentur finanziere eine Qualifizierung, die zur Teilnahme verpflichte.

„Es gibt da kein Sonderrecht, sondern Leistung und Gegenleistung.“ Das müsse den Flüchtlingen „freundlich, aber bestimmt“ klargemacht werden.

Klemens Gutmann geht die Eingliederung der Flüchtlinge in die deutsche Arbeitswelt pragmatisch an: „Zunächst müssen wir die Integrationskraft im Unternehmen nutzen.“ Zudem müsse nach Möglichkeiten gerade für eine Ausbildung gesucht werden. Dem stehe allerdings die schwache Wirtschaftskraft Sachsen-Anhalts entgegen. Eine pauschale Einschätzung, wie sich der immense Flüchtlingszustrom für die Behebung des hiesigen Fachkräftemangels nutzen lässt, lehnte er ab: Zu unterschiedlich seien die Anforderungen in den verschiedenen Branchen.

Wichtig ist für den Arbeitgeber-Chef, mehr gegen Fremdenfeindlichkeit und für Weltoffenheit zu tun. Gutmann macht das an eigenen Auslands- erfahrungen fest: „Ich habe Madrid als eine offene Stadt kennengelernt – Magdeburg kann an Vielfalt noch gewinnen.“

Haseloff nimmt den Vergleich mit Spanien auf, als er zugibt, dass er in den vergangenen Monaten der Flüchtlingskrise „die Grenzen des Sozial- und Rechtsstaats“ in Deutschland erlebt habe. „Wir brauchen Flexibilität wie in Spanien und weniger deutsche Akkuratesse“, erklärt er. Dies betreffe etwa die Einstufung von Berufsabschlüssen.

Die Politik habe nun bei der Integration ihre Hausaufgaben zu machen: Es müsse endlich Ordnung ins System kommen.Seine Zuversicht will sich Haseloff jedoch nicht nehmen lassen: „Ich bin aber immer noch der Meinung: Wir schaffen das.“