Berlin (dpa) l Angela Merkel hat schon viele Krisen gesehen in ihren bald 14 Jahren Kanzlerschaft. Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise. Diverse Koalitionskrisen. Und nun kämpft Merkel auch noch mit einer Gesundheitskrise. Ausgerechnet kurz vor ihrem 65. Geburtstag an diesem Mittwoch. Die Kanzlerin muss sich eingestehen, dass ihr Körper nicht immer das macht, was der Geist von ihm will. Insgesamt vier Mal hat Merkel nun bereits in der Öffentlichkeit heftige Zitterattacken durchlitten. Selbst mit ihrer sonst eisernen Willenskraft ist es ihr nicht gelungen, die Krämpfe zu unterdrücken. Wo doch sonst ihre Robustheit und Nervenstärke etwa in durchverhandelten Nächten legendär und gefürchtet sind.

Sie sei „fest davon überzeugt, dass ich gut leistungsfähig bin“, versucht Merkel Zweifel auszuräumen, dass sie ihr Amt noch richtig ausfüllen kann. Die Zitterattacken haben aber Sorgen wachsen lassen, dass sich die Kanzlerin zu viel zumutet. Nicht auszuschließen, dass die 18 Jahre an der CDU-Spitze mit ständigen internen Rangeleien und die Jahre als Regierungschefin mit Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit tiefe Spuren bei Merkel hinterlassen haben.

Ein voller Terminkalender

Vor über 20 Jahren schon hatte sie der Fotografin Herlinde Koelbl gesagt, sie wünsche sich, nicht als „halbtotes Wrack“ aus der Politik auszusteigen. Wird Merkel noch selbstbestimmt den richtigen Zeitpunkt für den Abschied von der Politik finden? Der Terminkalender der Kanzlerin sieht nicht so aus, als denke sie an die Rente. Selbst am Geburtstag wird die Kanzlerin wie immer mittwochs das Kabinett leiten. Regierungsalltag eben. Stabilität und Ruhe sind nicht gerade Elemente, die die vierte und letzte Regierungszeit der Kanzlerin prägen. Politische Gegner sind nicht die Einzigen, die Merkel einen Verfall der Macht attestieren. Viele machen den vermeintlichen Machtverlust schon an den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen mit FDP und Grünen nach der Wahl 2017 fest. Und am Zustand von Merkels aktueller dritter großer Koalition. Schwarz-Rot wackelt permanent. Da zählt wenig, dass Merkel auf internationaler Ebene noch immer als einzige Politikerin gilt, die von Donald Trump, Wladimir Putin oder dem Chinesen Xi Jinping ernst genommen wird. Eher wird der Kanzlerin vorgehalten, sie bastele mit viel Pathos am Vermächtnis. Etwa mit ihrer aufsehenerregenden Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz oder der umjubelten Ansprache vor Tausenden Studenten an der US-Eliteuniversität Harvard.

Hält Schwarz-Rot bis Weihnachten durch, hat Merkel länger regiert als der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, der von 1949 bis 1963 genau 14 Jahre und einen Monat amtierte. Ob es der Kanzlerin wichtig ist, auch die 16 Jahre Regierungszeit ihres Unionsvorgängers und früheren CDU-Übervaters Helmut Kohl zu toppen? Das geht nur, wenn die Koalition tatsächlich bis 2021 regiert.

Merkel hat immer wieder betont, sie stehe bis zum regulären Ende der Regierung 2021 als Kanzlerin zur Verfügung. Seit Merkel im Dezember 2018 den CDU-Vorsitz abgegeben hat, gönnt sie sich bei Parteiangelegenheiten nun öfter eine gewisse Lässigkeit, die sie sich in den 18 Jahren zuvor nicht leisten wollte. Da war sie fast immer eine Stunde vor allen anderen in der CDU-Zentrale. Nun rollt Merkel in ihrer gepanzerten Limousine meist pünktlich oder gar erst kurz nach Beginn der Sitzung in die Tiefgarage des Adenauerhauses.

Merkel übt sich in Zurückhaltung

Merkel selbst gibt sich auf die Frage, was der 65. Geburtstag für sie bedeutet, gewohnt bescheiden. Ihr werde bewusst, „dass man immer älter wird“, sagt die Kanzlerin. Zwar sei der 65. nicht ganz so markant wie der 60. oder der 70. Geburtstag. Aber er bedeute eben auch: „Dass man nicht jünger wird. Aber erfahrener. Vielleicht. Alles hat seine gute Seite.“