Magdeburg l Die Protestbewegung der Gelbwesten zieht auch die Hochschulrektorin Anne Lequy in ihren Bann. Volksstimme-Reporter Steffen Honig sprach mit der Französin über Ursachen, Wirkung und Aussichten der seit Wochen andauernden Demonstrationen.

Volksstimme: Die Gelbwesten-Bewegung kam aus dem Nichts und wurde zur Staatsbedrohung in Frankreich. Wie ist das erklärbar?

Anne Lequy: Diese Dynamik ist in Deutschland schwer verständlich. Als Französin bin ich weniger überrascht. Genauso wenig wie vor anderthalb Jahren, als Emmanuel Macron an die Macht kam. Da war zunächst eine Bewegung, die sich auf den Weg – „En marche“ – gemacht hat, um sich dann mit überwältigender Mehrheit das höchste Staatsamt zu holen.

Von der damaligen Begeisterung ist wenig geblieben.

Aus Macrons Versprechungen wurden Reformen, die er sofort zu implementieren begann. Er hatte am Anfang hohe Popularitätswerte. Die Leute waren begeistert. Es sind teilweise dieselben Franzosen, die jetzt auf die Straßen gehen.

Sie gehören zur Mittelschicht, die sich schwer enttäuscht sieht und zu der Macron den Kontakt verloren hat. Dabei war die Regierung unheimlich fleißig in vielen Bereichen, die über Jahrzehnte nicht angefasst worden sind. Das reicht vom Gesundheitswesen über die Bildung bis zur Bahn. Macron hat aber auch einige sehr unpopuläre Gesetze zur Reichensteuer verabschieden lassen. Unterm Strich werden dadurch einige Reiche noch reicher. Sein Team hat es nicht geschafft, das dem Volk zu erklären. Deshalb verzeiht man Macron das nicht.

Die Gegensätze in Frankreich sind schärfer als in Deutschland. Ist das nicht der Humus für den Protest?

Macron ist ein Zufallsopfer des personalisierten Hasses. Es hätte jeden anderen auch getroffen, so er an der Macht gewesen wäre.

Warum?

Es ist richtig: Wir haben eine große Diskrepanz zwischen Paris und der Provinz, auch „Wüste“ genannt. Es gibt in dieser Wüste einige Oasen wie Marseille oder Lyon – aber ansonsten fühlen sich die Leute auf dem Land abgehängt. Weil die Strukturen verschwinden, die Ärzte, die Schulen. Das führt dazu, dass man pendeln und laufend tanken muss.

Ein erhöhter Benzinpreis, an dem sich der Protest entzündete, ist also sofort im Portemonnaie spürbar. Aber wir können den Zentralismus nicht einfach ablegen – er gehört zu unserer DNA. Es gibt immer mal Versuche gegenzusteuern, aber die zentralistische Ordnung bleibt identitätsstiftend. Wir sind zuerst Franzosen, erst dann Lothringer oder Burgunder.

Wie steht es um die soziale Spaltung?

Seit Jahrhunderten ist der Gegensatz zwischen Armen und Reichen ein Grundkonflikt der Gesellschaft. Das deckt sich teilweise auch mit Paris und der Wüste. Wenn man Zugang zu höheren Staatsämtern haben will, muss man in Paris auf einer staatlichen Grande Ecole gewesen sein. Das ist auch aus unteren sozialen Schichten zu schaffen, aber mit viel mehr Aufwand. Die Ungerechtigkeit im Bildungssystem ist auch ein Grund dafür, denke ich, dass der Protest entflammt ist. Das gefühlte Auseinanderdriften der Gesellschaft macht die Leute wütend. Die da oben, die mit den Privilegien stehen am Pranger. Wie damals zu Zeiten von Ludwig XIV.

Wie soll Frankreich mit der Zusatzlast der Milliardenzugeständnisse Macrons an die Gelbwesten wieder Fahrt aufnehmen?

Macron ist jetzt der Herrscher der Zeitachse. Er hat eine Forderung der gelben Westen aufgenommen und das Gespräch mit ihren Vertretern aufgenommen. Um die Distanz zwischen Paris und dem Rest etwas zu überbrücken. Es gibt fünf Themenkomplexe, die alle Lebensbereiche der Franzosen betreffen. Er will auch die Bürgermeister, also die Verwaltungschefs vor Ort, in diesen Prozess mit einbeziehen. Die Konferenzen soll es drei Monate lang geben. Ich finde das ziemlich genial. Es besänftigt die Gelbwesten, deren Akzeptanz in der Bevölkerung langsam sinkt.

Das betrifft die Kommunikation. Was ist mit der Wirtschaft?

Emmanuel Macron muss jetzt die Feuerwehr spielen. Er ist nicht grundsätzlich von seinem Reformkurs abgewichen. Der Präsident muss in dieser brenzligen Situation zuhören und sich selbst Gehör verschaffen. Es kommen der schreckliche Anschlag in Straßburg und die Tatsache hinzu, dass die Gewaltausbrüche bei den Demonstrationen in Paris immer weniger Zustimmung finden. Langsam formiert sich die Gelbwesten-Bewegung, so dass Macron endlich Ansprechpartner hat.

Sie haben auf Straßburg verwiesen, bald kommen Weihnachten und der Winter. Wird dies die Bewegung austrocknen?

Nach dem Anschlag von Straßburg ist alles wieder offen. Davor hätte ich vorhergesagt, dass die Proteste noch einen Weile anhalten dürften. Jetzt ist alles offen. Wir können im Moment nur abwarten.

Nun wird Macron gelegentlich vorgeworfen, Allüren eines Sonnenkönigs zu entwickeln. Ist der Vorwurf berechtigt?

Schwierig, ich kann natürlich nicht für das Volk sprechen. Der Präsident ist die Nummer Eins im Staat. Die Inszenierung der Macht ist eine ganz andere als in Deutschland. Macron kann Frankreich nicht mit einem schlabbrigen T-Shirt repräsentieren. Für seine Frau Brigitte gilt es genauso. Das Volk erwartet, dass es würdig vertreten wird. Die Macrons kommen aus normalen Verhältnissen und sind keine Aristokraten. Sie legen großen Wert darauf, dass sie ihre Urlaube und die Kosten für ihre privaten Bedürfnisse selbst bezahlen. Weil sie genau wissen, dass man sehr leicht darüber stolpert.

Es ist ein Drahtseilakt: Macron muss Frankreich würdig repräsentieren und Autorität verkörpern. Da ist die Gefahr des Sonnenkönigs nah. Dies weiß er und auch, dass er dadurch – bildlich gesprochen – sehr schnell auf dem Schafott landen kann.

Die extreme Linke und die fanatische Rechte stacheln die Proteste an. Werden diese Kräfte davon dauerhaft profitieren können?

Es wird berichtet, dass die Extremen von Links und Rechts versuchen, diese Demonstration ganz gezielt zu kapern. Es sind professionelle Demonstranten, die ihre Logistik den Amateuren anbieten. Ich weiß nicht, wie gefährlich dieses Potenzial ist, aber es existiert.

Frankreich kennt Krawalle aus den Vorjahren vor allem in den Banlieues, den Vorstädten der Großstädte, wo sich Migranten konzentrieren. Gibt es Überschneidungen mit den Gelbwesten?

Mit den Banlieues hat die Bewegung der gelben Westen gar nichts zu tun. Die Problematik der Vorstädte ist von den aktuellen Protesten zu trennen. Es ist schon ein Phänomen, wie sich die Bewegung der Gelbwesten formiert hat: Sie ist flächendeckend und schließt neben der dominierenden Mittelschicht alle gesellschaftlichen Gruppen ein.