Chemnitz (ma/dpa/epd) l  Im Fall der Veröffentlichung des Haftbefehls im Chemnitzer Mordfall hat der Dresdner Justizbeamte Daniel Zabel (39) sich öffentlich dazu bekannt: „Ich habe den Haftbefehl fotografiert und weitergegeben, weil ich wollte, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, sagte er der Bild-Zeitung. Nachdem einer der Tatverdächtigen, der 22-jährige Iraker Yousif A. in die JVA Dresden eingeliefert wurde, habe Zabel den Haftbefehl, der im Zugangsbereich auslag, abfotografiert.

Der Justizbeamte sei mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert worden, teilte das sächsische Justizministerium am Donnerstag mit. Über weitere Maßnahmen gegen den Mann soll nach Abschluss der strafrechtlichen Ermittlungen entschieden werden.

Yousif A. ist mehrfach vorbestraft, wie die Staatsanwaltschaft Chemnitz mitteilte. Der Mann stehe unter Bewährung, hieß es. Gegen ihn und den 23-jährigen Syrer Alaa S. war am Montag Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags ergangen. Sie befinden sich in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, in der Nacht zum Sonntag am Rande des Chemnitzer Stadtfestes einen 35 Jahre alten Deutschen erstochen zu haben.

Timke zunächst unter Verdacht

Vor dem Geständnis von Zabel stand der Bremer Bürgerschaftsabgeordnete Jan Timke unter Verdacht. Er hat am Donnerstag die Vorwürfe zurückgewiesen, er sei Urheber der rechtswidrigen Veröffentlichung eines Haftbefehls im Fall der Chemnitzer Messerattacke. Er habe einen entsprechenden Eintrag lediglich weiterverbreitet und ihn noch am Mittwoch wieder von seinem Facebook-Account gelöscht, so Timke. Der Post sei bereits zuvor in vielen sozialen Medien, Internet-Blogs und -foren sowie von Medien verbreitet worden. „Weder meine Mitarbeiter noch ich sind Urheber dieses Leaks“, sagte er. Timke, von Beruf Bundespolizist, ist Vorsitzender und Mitbegründer der rechtspopulistischen Bremer Wählervereinigung „Bürger in Wut“.

Weitere Demonstrationen

Am Mittwochabend hätten Polizeibeamte Timkes Wohnung in Bremerhaven durchsucht, sagte Passade. Dabei seien ein Handy, ein Tablet und ein PC sichergestellt worden. Der Haftbefehl wurde inzwischen von Timkes Facebook-Seite gelöscht.

Gestern haben erneut Rechte demonstriert, dieses Mal vor dem Chemnitzer Fußballstadion. Dort haben Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) ein Bürgergespräch geführt. Um die Lage zu sichern, bekam die sächsische Polizei Hilfe von auswärts. „Wir werden heute von mehreren Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt“, teilte die Polizei über Twitter mit.

Sachsens früherer Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) hat angesichts der ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz die Bürger zu mehr Engagement für ihre Heimat aufgerufen. „Das ist neben dem Schutz durch den Staat eine unverzichtbare Anstrengung der Bürger selbst“, sagte er in der ARD-Sendung „Maischberger“. „Wenn man die Sache dem Staat überlässt und der Polizei, dann wird das nicht gelingen.“

Nach den gewaltsamen Ausschreitungen formiert sich gesellschaftlicher Gegenprotest. Das Bündnis „Chemnitz Nazifrei“ kündigte auf Facebook für morgen eine Protestveranstaltung gegen die zur selben Zeit geplante AfD-Demonstration an. Am Sonntag lädt die Evangelisch-Lutherische Kirche zu einer Kundgebung auf den Neumarkt ein. Für Montag haben mehrere bekannte deutsche Bands zu einem kostenlosen Konzert in die sächsische Stadt eingeladen. In den sozialen Netzwerken wurde unter dem Motto „#wirsindmehr“ zur Teilnahme aufgerufen.

An dem Konzert nehmen unter anderem die Punkbands Die Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet, die Rapper K.I.Z, Marteria und Casper sowie die Chemnitzer Rockband Kraftklub teil. Tote-Hosen-Sänger Campino sagte, es gehe darum, klarzumachen, dass viele Menschen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit seien.