Berlin (dpa) l Mit der Corona-Krise sind viele neue Wörter in den Alltagssprache eingezogen: Inzidenz, Intensivkapazitäten oder R-Wert muss keiner mehr nachschlagen. Im Schulbereich sind die Wortschöpfungen und Umschreibungen für die neue pandemiebedingte Nicht-Normalität besonders vielfältig: "Präsenzbetrieb", "eingeschränkter Regelbetrieb", "Wechselmodell" oder "Hybridunterricht". Und inzwischen heißt es wieder "Homeschooling", "Distanzunterricht" oder "Fernunterricht". Bei manchen Eltern und Schülern stellen sich allerdings die Nackenhaare auf, wenn sie das hören. Es gibt Klagen, dass von "Unterricht" keine Rede sein könne.

Sabrina Wetzel, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats, berichtet von Eltern-Mails, die verschiedenste Probleme schilderten. "Viele Eltern sind überfordert damit, ihre Kinder zu unterstützen, Schulleitungen, Lehrerkräfte, Schülerinnen und Schüler sind frustriert, weil die Programme noch nicht wirklich rund laufen." Abstürze, schlechtes Wlan, Ton- und Bildausfälle – "effektiver Unterricht sieht anders aus", sagt Wetzel.

Frust klingt auch durch bei Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz. Der 20-Jährige geht in die 13. Klasse einer Integrierten Gesamtschule in der Nähe von Köln. "Bund und Länder müssen jetzt Geld in die Hand nehmen und Serverkapazitäten massiv ausbauen. Sonst enden diese Wochen in einem Desaster." Für viele sehe der Schulalltag aktuell sehr trist aus: Morgens Unterlagen herunterladen, bearbeiten und am Nachmittag wieder hochladen. "Dieser Ablauf ist genauso schrecklich wie er sich anhört. Das soziale und gemeinschaftliche Lernen, das ein Kernbestandteil der Bildung sein sollte, fehlt aktuell massiv."

Ob es Feedback und Videokonferenzen gibt, das hänge sehr stark vom Lehrer ab, sagt der Schülervertreter, der die Pädagogen aber auch in Schutz nimmt. "Wie sollen sie auch den "perfekten" digitalen Unterricht auf die Beine stellen, so ganz ohne vernünftige Fortbildungen und eine funktionierende Technik?"

Hier kommt auch ein Thema ins Spiel, über das schon seit dem Sommer diskutiert wird, aber bei dem sich offensichtlich nichts bewegt: Dienstlaptops für Lehrer. Ein Programm über 500 Millionen Euro zur Anschaffung der Geräte wurde im August bei einem "Schulgipfel" im Kanzleramt vereinbart. Geflossen ist davon noch kein Cent, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion hervorgeht, die der dpa vorliegt. Die Antwort stammt vom 13. Januar. Darin heißt es, es konnten noch keine Mittel ausgezahlt werden, weil die entsprechende Vereinbarung zwischen Bund und Ländern über das 500-Millionen-Paket noch nicht von allen Bundesländern unterzeichnet worden sei.

Förderalismus bremst aus

Bundesweite Vorhaben in der Bildung werden immer wieder durch den Föderalismus ausgebremst. Für Bildung und Schulen sind die Länder jeweils selbst zuständig. Der Bund darf eigentlich nicht mitreden und einfach Geld zuschießen, weshalb erst umständlich sogenannte Verwaltungsvereinbarungen zwischen dem Bund und allen 16 Ländern ausgehandelt werden und dann alle einzeln unterschrieben werden müssen. Das dauert.

"Dass es Bund und Länder bis heute nicht geschafft haben, die Vereinbarungen zur Anschaffung von Lehrer-Laptops zu unterzeichnen, ist einfach nur beschämend", sagt der FDP-Obmann für digitale Infrastruktur im Bundestag, Torsten Herbst. "Während Eltern, Kinder und Lehrer seit Wochen ihr Möglichstes tun, um den Ausfall von Präsenzunterricht so gut es geht zu kompensieren, schafft es die Politik noch nicht einmal, die einfachsten Verwaltungshausaufgaben zu erledigen."

Dass es darüber hinaus bei den Lernplattformen der Bundesländer teilweise hakt und ruckelt, liegt nach Angaben des Digitalverbands Bitkom daran, dass diese Plattformen den großen Nutzerzahlen nicht gewachsen seien. Ein weiteres Hemmnis für guten Fernunterricht ist nach Ansicht von Bitkom-Präsident Achim Berg "der fehlende Pragmatismus beim Datenschutz". Weltweit führende IT-Unternehmen investierten seit Jahren dreistellige Millionenbeträge in Konferenz und Lernsysteme. "Das lässt sich nicht einfach so nachbauen. In der Pandemie sollte man marktübliche und leistungsfähige Systeme auch den Schulen zugänglich machen."

Videokonferenzen sind in der Pandemie zum Alltag geworden. Warum finden sie also nicht auch standardmäßig im Fernunterricht statt, damit Lehrer und Schüler in Kontakt bleiben? Das sei nicht die freie Entscheidung der einzelnen Lehrkraft, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Voraussetzung sei, dass die Schule eine entsprechende Lizenz für Software habe und dass der notwendige Datenschutz gewährleistet sei. "Es ist also nicht zulässig, dass eine Lehrkraft beispielsweise von zu Hause aus die Schülerinnen und Schüler zu einer Zoom-Sitzung einlädt." Und bei den staatlichen Lernplattformen gebe es meistens kein wirklich funktionsfähiges Videosystem.

Man müsse sich auch von dem Gedanken frei machen, dass allein oder sogar in erster Linie die digitale Übertragung von Unterricht in Videokonferenzsystemen automatisch die effektivste Unterrichtsform sei, sagt der im Sommer in den Ruhestand gegangene ehemalige Leiter eines Gymnasiums. "Eine bloße Übertragung einer Unterrichtsstunde per Video ohne intensive Feedback-Kultur ist wenig effektiv. Ein intensiver Austausch über Email mit Arbeitsblättern und Schülerbeiträgen kann durchaus wirksam und erfolgreich sein."

Meidinger warnt auch vor Pauschalurteilen über den Fernunterricht. Angesichts von mehr als 10 Millionen Schülern und 40.000 Schulen dürfe bei durchaus im Einzelfall berechtigten Klagen nicht ein Eindruck entstehen, der nicht repräsentativ sei. "Mein Eindruck ist, dass es insgesamt besser läuft als im Frühjahr, auch weil inzwischen viele, aber leider bei weitem noch nicht alle, Leihgeräte an Kinder ausgegeben worden sind, die bislang zuhause keinen tastaturfähigen Computer nutzen konnten." Auch Schülervertreter Dario Schramm sieht positive Entwicklungen: "Zur Wahrheit gehört sicherlich auch, dass es einzelne Vorreiter-Schulen gibt, die ihren Schülern wirklich gutes Distanzlernen bieten können."