Idlib (dpa) l Das nächste große Blutvergießen in Syrien bleibt aus, vorerst zumindest – und viele Menschen in der Rebellenhochburg Idlib atmen erst einmal auf. "Natürlich sind wir erleichtert und glücklich", schreibt der Aktivist Nadschim in Textnachrichten aus der gleichnamigen Provinzhauptstadt im Nordwesten Syriens. Niemand wolle noch mehr Krieg, Tod und Zerstörung. "Die Menschen wünschen sich einfach nur, zu ihrem normalen Leben zurückzukehren."

Über Wochen hatten Nadschim und Millionen andere Syrer in der Region eine Großoffensive befürchtet. Staatschef Baschar al-Assad ließ am letzten großen Rebellengebiet des Landes seine Elitetruppen aufmarschieren – die finale Schlacht nach fast acht Jahren Bürgerkrieg schien nur eine Frage der Zeit. Helfer warnten vor einer neuen humanitären Katastrophe – mit Verweis auf drei Millionen Zivilisten, die in Idlib leben, fast zur Hälfte Binnenflüchtlinge.

Am Montagabend kam dann die Wende, die sich bereits abgezeichnet hatte. Wochenlang verhandelten Russland als enger Verbündeter der Regierung und die Türkei als Schutzmacht der Rebellen über Idlib. Beide Seiten verfolgten trotz unterschiedlicher Interessen das Ziel, eine Großoffensive zu vermeiden. Jetzt einigten sich die Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan im Badeort Sotschi darauf, zwischen Regierungstruppen und Rebellen eine entmilitarisierte Pufferzone einzurichten, 15 bis 20 Kilometer breit.

Wird es also keine weiteren Kämpfe um Idlib geben? Das scheint trotz der Einigung eher unwahrscheinlich. Wie brenzlig die Lage weiterhin ist, machte allein der Abschuss des russischen Aufklärungsflugzeugs über dem Mittelmeer in der Nacht auf Dienstag deutlich. Russland gab dafür Israel die Schuld – das wiederum mit dem Finger auf die syrische Armee zeigte.

Putin und Erdogan

Zudem sind in dem Abkommen zwischen Putin und Erdogan viele Punkte offen – und bergen Sprengstoff, der sich jederzeit entzünden könnte. Da sind etwa die vielen Milizen, die Idlib kontrollieren. Sie sollen in der Pufferzone ihre Waffen abgeben. Während die Türkei die von ihr abhängigen gemäßigteren Gruppen mit Druck dazu bringen könnte, dürften sich radikalere Kräfte dagegen wehren.

Die Augen richten sich vor allem auf die Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), in der viele noch immer den syrischen Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida sehen. Sie ist in Idlib besonders stark und machte im Internet schnell deutlich, was sie von dem Abkommen hält: nichts. "Wer dich fragt, dass du deine Waffen abgibst, der muss bekämpft werden", drohte HTS-Anführer Abu al-Jakasan al-Masri.

Syrien-Analyst Sam Heller von der International Crisis Group sieht das als Problem für die Türkei. Diese habe sich verpflichtet, die Dschihadisten aus der Pufferzone zu bringen: "Aber es scheint unwahrscheinlich, dass diese sich dem fügen." Das dürfte auch dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu bewusst sein, der dennoch am Dienstag klarmachte: "Die Region wird von Radikalen gesäubert. Das Volk und die gemäßigte Opposition bleiben wo sie sind."

Syriens Führung, die den Rebellen in den vergangenen Wochen massiv gedroht hatte, begrüßte die Einigung. Doch in der Reaktion aus Damaskus lässt ein Satz aufhorchen: Der Kampf gegen Terroristen in Syrien werde weitergehen, bis das gesamte Land von diesen befreit sei, meldete die Staatsagentur Sana unter Berufung auf das Außenministerium. Assad und seine Mitstreiter sind offenbar nicht gewillt, Idlib dauerhaft der Opposition zu überlassen.

So geht der türkische Analyst Fehim Tastekin davon aus, dass es sich bei dem Abkommen nur um eine "Zwischenlösung" handelt. Es sei unvorhersehbar, in welche Richtung Putin wolle, schrieb er auf der Internet-Plattform Gazete Duvar. Russland habe früher schon für andere syrische Regionen wie etwa Ost-Ghuta bei Damaskus Deeskalationzonen eingerichtet – die am Ende doch eine "Säuberung" erlebt hätten: "Es scheint, als plane Putin ähnliches für Idlib."

Deshalb ist auch bei den Regierungsgegnern in Idlib die Skepsis so groß wie das Misstrauen gegenüber Moskau. Den Russen sei nicht zu trauen, sagte Rebellensprecher Nadschi Mustafa – schließlich hätten sie sich schon früher nicht an Versprechen gehalten.