Magdeburg l Es versprach ein eher harmloser Termin in diesen aufregenden Wendetagen zu werden. Die (West)-Berliner SPD hatte zu einem Gesprächsabend ins Restaurant „Prag“ in der Ost-Berliner Leipziger Straße geladen. Bis plötzlich ein Fotograf unserer Bildagentur Zentralbild zu mir kam und raunte: „Ich glaube, da drüben will einer was von dir.“ Der da „was von mir wollte“ war der SPD-Fraktionssprecher im Abgeordnetenhaus, Peter Stadtmüller. Ein bekannter Mann damals in der Berliner Politik und, wie man heute sagen würde, sehr gut vernetzt. Der Dialog ging, wenn ich mich recht erinnere, etwa so:

„Sie kommen doch vom ADN?“.
„Ja“.
„Dr. Dankert möchte gern ein paar Worte mit ihnen wechseln. Sie kennen Dr. Dankert?“
„Nein, bisher nicht. Worum geht es denn?“
„Das würde er gern mit ihnen selbst besprechen.“

Stadtmüllers Blick ging hinüber zur Restaurant-Lobby. Dort stand, ein wenig im Halbdunkel, ein stattlicher Herr. Er wolle gleich zur Sache kommen, meinte Dankert mit angenehmer Stimme. „Ich vertrete Herrn Schalck-Golodkowski als Anwalt. Sie wissen um die Angelegenheit?“ In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken: Schalck-Golodkowski? So viel wusste ich: geheimnisumwitterter KoKo-Chef, Devisenbeschaffer der DDR, in der Stasi ganz hoch angebunden.

Laut „Neuem Deutschland“ vom selben Tag sollte er sich am Wochenende zuvor aus der DDR abgesetzt haben. Wie kommt, fragte ich mich, ein SPD-Mann wie Dankert zu solch einem Mandat? Stecken etwa der BND oder gar die CIA dahinter? Vorsicht, ganz, ganz dünnes Eis …

„Ich würde gern im Namen meines Mandanten gegenüber ihrer Agentur eine Erklärung abgeben“, sagte der Anwalt nach einer kurzen Pause. „Bedingung ist jedoch, dass sie am nächsten Tag auf Seite 1 im ,Neuen Deutschland‘ steht. Könnten Sie das arrangieren?“

Dankert, der auch Promis wie Steffi-Graf-Vater Peter vertrat, ist bestimmt ein Mann sehr hohen Wissens. Wie der Journalismus in der DDR, und das war es ja damals noch, tickte, wusste er definitiv nicht. „Ich bin nur ein kleiner Reporter“, stotterte ich eine Erklärung, wurde dann sogar ein bisschen frech: „Keiner weiß offenbar, wo Herr Schalck steckt. Oder?“ Dankert schwieg. „Eine so heikle Geschichte ist absolute Chefsache“, wand ich mich weiter. „Außerdem spricht da sicher das ,Neue Deutschland‘ ein entscheidendes Wort mit.“

Dankert lächelte mild: „Könnten Sie es dennoch für mich versuchen?“

Kurzes Nachdenken. Sollte ich mich verweigern und vielleicht derjenige sein, der die in diesen Tagen ohnehin hochsensiblen deutsch-deutschen Beziehungen unterläuft? Zumal Schalck, so raunten es ADN-Kollegen, die sich in der Szene auskannten, sogar als DDR-Ministerpräsident im Gespräch gewesen war.

Ich weiß heute nicht mehr wie, aber Dankert hatte es geschafft, den journalistischen Nerv zu treffen. Gut, also die Chefredaktion anrufen. Ein Blick auf die Uhr: Es war Tagesschau-Zeit. Handys gab es noch nicht, und ein öffentlicher Telefonanschluss weit und breit nicht zu finden. Auf Stadtmüllers Vermittlung durfte ich aus dem Büro des Restaurantchefs telefonieren. „Du schon wieder“, stöhnte der diensthabende ADN-Chef. „Haben wir nicht genug um die Ohren?“ Aber der Name Schalck ließ ihn nachdenklich werden. „Gut, ich klingle mal beim Zentralblatt durch. Melde dich in einer guten halben Stunde noch einmal.“

Was in den folgenden gut 30 Minuten passierte, welche Apparate wo klingelten (sicher nicht nur beim Zentralblatt), sollte ich nie erfahren. Was ich zu dieser Zeit ebenso nicht wusste: Die „zuständigen Organe der DDR“ hatten inzwischen herausgefunden, dass sich der fahnenflüchtige Obrist zusammen mit seiner Frau Sigrid, ausgestattet mit Diplomatenpässen, in einem Lada über den Grenzübergang Invalidenstraße abgesetzt hatte und sich in Westberlin versteckte; was, zumindest rein territorial, die Anwaltschaft des Berliners Dankert ein wenig erhellte.

Die Antwort, die ich ihm zu übermitteln hatte, fiel aus wie erwartet: Heute Abend keine Erklärung mehr (die Zeitung sei ja schon so gut wie im Druck), aber eine Telefonnummer, an die man sich am nächsten Tag wenden könne. Ich überbrachte sie Dankert. Er bedankte sich. Wenn er enttäuscht gewesen sein sollte, er ließ es sich nicht anmerken. Ein Profi eben. Und für mich war der Abstecher in die große Welt der Big Player der Politik schneller beendet als gedacht.

War vielleicht besser so für dich, meinten (wohlwollende) Kollegen, als ich tags darauf in der Redaktion von meiner gescheiterten Rolle als Ost-West-Emissär erzählte. Natürlich verfolgte ich seither den Weg Schalcks im geeinten Deutschland mit besonderem Interesse. Obwohl ich ihm nie persönlich begegnet bin. Die um die fünf Ostländer erweiterte Republik, schien es, hatte irgendwann ihren Frieden gefunden mit einem Mann, der eine einzigartige Karriere als Erzkapitalist im Dienste des Staatssozialismus hinlegte.

Eine kleine Notiz, die ich 1996 irgendwo fand, machte das deutlich. Im oberbayerischen Miesbach gründete der einstige „Offizier im besonderen Einsatz“ der Stasi (OibE) seine erste eigene Firma im Westen. „Dr. Schalck & Co.“ nannte sie sich. Der Zweck des Unternehmens: Handel mit Waren aller Art – was sonst bei einem Mann mit dieser Vergangenheit?