Genf/Neu Delhi (dpa) – Vor gut einem Jahr besuchte Shekh Zahid noch die vierte Klasse. Heute stochert der Zehnjährige in einer mehr als 50 Meter hohen Mülldeponie im Norden der indischen Hauptstadt Delhi. Es stinkt wie nach verrotteten Eiern. Jeden Tag sucht Shekh hier mit seinem Onkel und vielen anderen Erwachsenen und Kindern, was man noch verwerten und verkaufen kann. Für rund 150 Rupien, etwa 1,70 Euro pro Tag. Seine Familie habe ihn von ihrem mehr als Tausend Kilometer entfernten Zuhause in Westbengalen nach Delhi geschickt. "Wir sind arm, während des Corona-Lockdowns haben wir viel gelitten", sagt der kleine Junge, seine Hände sind schwarz vom Dreck. Sein Vater verdiene viel weniger als Rikscha-Fahrer. "Ich muss meine Familie unterstützen." Und diese vermisse er.

Damit Shekh und Millionen andere Kinder bald in eine bessere Zukunft schauen, starten die Vereinten Nationen am Donnerstag (21. Januar) offiziell in das "UN-Jahr der Beseitigung der Kinderarbeit". In den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDG) steht, dass jegliche Form von Kinderarbeit bis 2025 zu beenden ist.

Humanitäre Organisationen sind alamiert

Wie bei Shekh geht es bei der Kinderarbeit immer um fatale Armut. Familien wissen sich nicht anders zu helfen, als ihre Kinder zum Dazuverdienen zu zwingen, um die Familie zu ernähren. Alarmiert sind die humanitären Organisationen deshalb wegen der Corona-Krise: "Das kann uns um Jahre, wenn nicht eine ganze Generation zurückwerfen", sagt Benjamin Smith, Experte für Kinderarbeit bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), der Deutschen Presse-Agentur.

"Schon in den ersten Monaten sank das Einkommen der Menschen, die von der Hand in den Mund leben, im weltweiten Durchschnitt um 60 Prozent." In vielen Ländern sei das die Mehrheit der Jobs. Betroffen waren etwa Leute, die an Essen an Straßenständen verkaufen, auf Feldern arbeiten, kleine Verkaufsstände betreiben, Wäsche waschen, Häuser putzen, im Restaurant bedienen. Nach Schätzungen könnten bis zu 150 Millionen Menschen wegen der Corona-Krise bis Ende des Jahres wieder in extremer Armut landen, schätzt die Weltbank. Sie haben dann weniger als umgerechnet 1,50 Euro für das Überleben pro Tag.

In mehreren Ländern sind auch seit Monaten coronabedingt die Schulen geschlossen. In Indien etwa hatten dort die Kinder wie Shekh kostenloses Essen erhalten, was Eltern bewogen hatte, sie dorthin zu schicken. Online-Unterricht gibt es ohne Internetzugang an vielen Orten nicht. Und auch deshalb schicken sie etliche Eltern stattdessen zum Arbeiten – und die Chancen der Kinder, der Armut zu entfliehen, schwinden.

Arbeiten statt Schulbesuch

Kinderarbeit definiert die ILO als Tätigkeit, die jungen Menschen schadet oder sie vom Schulbesuch abhält. Zwar ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die arbeiten statt zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, seit dem Jahr 2000 um etwa 100 Millionen gesunken. Trotzdem müssen immer noch 152 Millionen schuften, fast jedes zehnte Kind unter 18 Jahren. 48 Prozent von ihnen sind noch nicht mal zwölf Jahren alt.

Bei fast der Hälfte der 152 Millionen Minderjährigen geht es um Arbeit, die gefährlich oder ausbeuterisch ist oder ihre körperliche oder seelische Entwicklung schädigt. Das kann Arbeit unter Tage sein, oder schwere Lasten tragen, mit gefährlichen Werkzeugen oder Chemikalien hantieren. Jedes fünfte der arbeitenden Kinder und Jugendlichen lebt auf dem afrikanischen Kontinent, in der Asien-Pazifik-Region sind es 7,4 Prozent.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef nennt Beispiele: Ahmad (13) muss im palästinensischen Autonomiegebiet Gazastreifen in Hausruinen Trümmersteine suchen und auf dem Markt an Kies-Macher verkaufen. Er hilft so der elfköpfigen Familie beim Überleben. Die Syrerin Dyana (13) arbeitet in Libanon auf dem Feld. Sie war noch nie in der Schule. "Ich stelle mir eine Schule wunderschön vor, mit gemalten Bildern von Jungen und Mädchen an der Wand", sagt sie.

Koffertragen und Tabakpflücken

Dulaly und Chan Mia, beide zehn, tragen Passagieren in einem Hafen in Bangladesch Koffer. In Kambodscha rupft eine Siebenjährige barfuß Unkraut, stundenlang. Ein zehnjähriger pflückt in Indonesien Tabak. Yanick (elf) hat das für Smartphones, Laptops und elektrische Fahrzeuge nötige Kobalt in einem Bergwerk im Kongo abgebaut.

Auch in vermeintlich reichen Ländern gibt es Kinderarbeit, sagt Smith. Minderjährige Prostituierte etwa, die Menschenschmuggler ins Land schleusen. Und es gibt Pädophile, die sich an Kindesmissbrauch auf Webseiten ergötzen. "Das Risiko dieser Ausbeutung steigt erschreckend", sagt Smith. Ermittler meldeten einen großen Anstieg einschlägiger Webangebote. "Das ist ein Riesengeschäft", sagt er. Nach Schätzungen würden eine Million Kinder weltweit so missbraucht. "Aber es gibt eine hohe Dunkelziffer.