Berlin (dpa) l Die Bundeswehr bildet immer mehr Minderjährige an der Waffe aus. Die Zahl der Soldatinnen und Soldaten, die bei Dienstantritt noch nicht volljährig waren, sei  2017 auf 2128 gestiegen, berichtete die "Rheinische Post" am Dienstag unter Berufung auf das Verteidigungsministerium. Darunter waren 448 junge Frauen, wie laut Bericht aus einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linken hervorgeht.

Demnach sind die Verpflichtungen von Minderjährigen seit Aussetzen der Wehrpflicht kontinuierlich angewachsen, von 689 im Jahr 2011 auf den bisherigen Rekordwert von 1907 im Jahr 2016 und auf nunmehr 2128. Besonders stark sei die Zahl der minderjährigen Soldatinnen gestiegen. Sie habe sich seit 2011 (57) fast verachtfacht.

"Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat offenbar keine Skrupel, die Nachwuchsgewinnung immer weiter vorzuverlegen", sagte die Linken-Abgeordnete Evrim Sommer der "Rheinischen Post". Solange Deutschland selbst Minderjährige für militärische Zwecke rekrutiere, könne es andere Staaten dafür nicht glaubwürdig kritisieren. "Die Bundesregierung gefährdet damit ihre eigenen Bemühungen zur internationalen Ächtung des Einsatzes von Kindersoldaten."

Jugendliche ab 17 zur Bundeswehr

Minderjährige dürfen zwar ab 17 zur Bundeswehr, aber noch keinen Dienst mit der Waffe leisten, etwa im Wachdienst. Auch in Auslandseinsätze dürfen sie erst bei Volljährigkeit geschickt werden. Der Gebrauch der Waffe ist ihnen nur für Ausbildungszwecke erlaubt.

"Kindersoldaten darf es bei der Bundeswehr nicht geben", kritisierte der evangelische Militärbischof Sigurd Rink. Die Ausbildung Jugendlicher zu Soldaten sei brisant, weil es die Idee der Parlamentsarmee zumindest in Frage stelle, wenn Menschen ohne Wahlrecht Soldaten werden. Rink ist seit 2014 erster hauptamtlicher Militärbischof der Evangelischen Kirche.

Auch die Sozialdemokraten sind ihrem Wahlprogramm zufolge gegen die Ausbildung von 17-Jährigen an der Waffe. Minderjährige Bewerber sollen demnach bis zum Erreichen der Volljährigkeit in der zivilen Wehrverwaltung beschäftigt werden. Erst nach dem 18. Geburtstag dürften sie Soldat werden.

SPD fordert zivile Vorbereitung

Die deutsche Praxis verstoße zwar nicht gegen internationales Recht, sagte Fritz Felgentreu, stellvertretender verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. Aber der Dienst in den Streitkräften sei verbunden mit psychischen und physischen Anforderungen. "Um geeignete und motivierte minderjährige Bewerberinnen und Bewerber nicht abweisen zu müssen, fordert die SPD deshalb, bis zum Erreichen der Volljährigkeit einen zivilen Vorbereitungsdienst bei der Zivilverwaltung der Bundeswehr zu schaffen", betonte Felgentreu.

Für den Wehrbeauftragten des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), darf die Einstellung von 17-jährigen nicht zur Norm werden: "Das muss die Ausnahme bleiben. In der Regel sollten Bewerber für die Bundeswehr 18 sein", sagte er dem Radioprogramm "SWR Aktuell". Minderjährige in der Bundeswehr sorgen laut Bartels auch für zusätzlichen Aufwand in der Truppe. Es entstehe etwa mehr "Papierkram" für die Ausbilder, da zum Beispiel für Impfungen immer erst die Einwilligung der Eltern zu besorgen sei.

Würde man minderjährige Bewerber verbieten, würde die Truppe aber Probleme bei der Personalrekrutierung bekommen, sagte Bartels. Die Bundeswehr müsse ein attraktiver Arbeitgeber für junge Menschen bleiben: "Es ist nicht einfach, an die jungen Leute ranzukommen. Und dann will man sie natürlich nicht verlieren, wenn sie sich nach der Schule bewerben und eben noch nicht 18 sind. Insofern gibt's ein Interesse sowohl bei den jungen Leuten als auch bei der Bundeswehr, schon 17-jährige einzustellen."

Bundeswehr kämpft gegen Wirtschaft

Die Bundeswehr liefert sich mit der Wirtschaft einen harten Wettbewerb um die besten Köpfe. Denn die Zwangsverpflichteten von damals müssen ersetzt werden. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) versucht seit Jahren, die Bundeswehr attraktiver und familienfreundlicher zu machen. Werbekampagnen wie Youtube-Serien und Ansprache durch soziale Medien sollen auch jüngeren Nachwuchs anlocken.

Das Ministerium verteidigte seine Personalpolitik. "Die Mehrheit der Schulabgänger sind nicht volljährig. Für Interessenten an einer Karriere bei der Bundeswehr darf es keine Nachteile geben gegenüber einer zivilen Ausbildung", sagte eine Sprecherin. "Wir stellen geeignete Bewerber mit frühestens 17 Jahren ein und nur mit Zustimmung der Sorgeberechtigten. Das sind verantwortungsbewusste, junge Erwachsene." 96 Prozent der jungen Frauen und Männer seien nach der sechsmonatigen Probezeit bereits volljährig. "Die Rekrutierungspraxis der Bundeswehr steht vollständig im Einklang mit dem internationalen Abkommen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen."