Jänschwalde/Leipzig (dpa) l Die Gesichter der Männer am Mahnfeuer vor dem Tagbau Jänschwalde sind kaum zu erkennen. Es ist noch dunkel am Samstagmorgen und bitterkalt, die Kohle-Kumpel haben sich Mützen und Schals tief ins Gesicht gezogen. Tee und Kaffee werden ausgeschenkt, eine Mitarbeiterin bringt von Zuhause selbst gebackenen Blechkuchen vorbei. Hinter dem Feuer ist ein Banner aufgehängt: "Wir lassen unsere Lausitz nicht ausradieren", steht darauf.

Zu diesem Zeitpunkt sind rund Hunderte Klimaaktivisten auf dem Weg ins Lausitzer- und Leipziger Kohlerevier, um gegen die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren. 4000 sind es nach Angaben des Bündnisses "Ende Gelände". Sie verlangen einen sofortigen Kohleausstieg. Ziel der Bundesregierung ist ein Ausstieg bis spätestens 2038. Umweltverbände fordern ihn bis 2030. "Die Politik wagt es, noch fast 20 Jahre Kohle zu verheizen. Ende Gelände wagt heute den sofortigen Kohleausstieg", sagte Sprecherin Nike Mahlhaus. Die Kohleförderung ruht am Samstag aus Sicherheitsgründen.

Vor den Tagebauanlagen in Jänschwalde reibt sich Detlef Glode ungehalten die kalten Hände. "Mitarbeiter haben 45 Jahre Arbeit in der Grube geleistet, viele sind durch die schwere Arbeit krank geworden und jetzt muss man sich sagen lassen, dass man nur Mist gemacht hat (...) das muss man den Arbeitern erstmal erklären", sagt der Tagebaumitarbeiter. Anne Prager findet es "legitim", dass junge Leute Angst um die Zukunft der Welt haben. Wenn aber in der Debatte am Ende jegliche Sachlichkeit fehle, gehe das nicht, sagt die 31-jährige Leag-Mitarbeiterin.

Polizei mit Großaufgebot

Nur etwa zehn Minuten vom Mahnfeuer entfernt besetzen etwa 500 Kohle-Gegner des Bündnisses "Ende Gelände" den Tagebau Jänschwalde. Ebensoviele blockieren den Tagebaubetrieb in Welzow Süd, auch in der Lausitz. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz. Sie erhält Unterstützung aus mehreren Bundesländern.

Andere Aktivisten blockieren Gleisabschnitte der Kohlebahn. "Ich verstehe Menschen in der Lausitz, die Angst um ihre berufliche Zukunft haben und auch die Wut. Ich glaube aber, die Wut richtet sich doch eigentlich eher gegen die Politik, die es Jahrzehnte verschlafen hat, den Strukturwandel ordentlich einzuleiten", sagt Kaya Fiedel von "Ende Gelände", die zu den 300 Besetzern auf dem Gleis in Jänschwalde gehört.

Durch die Blockade ist der Kohlenachschub unterbrochen. Das Energieunternehmen Leag muss das Kraftwerk wegen der Blockaden auf ein Minimum herunterfahren. Man müsse mit der Kohle, die im Kraftwerk lagert, haushalten, sagt Leag-Sprecher Toralf Schirmer. Davon hänge die Fernwärmeversorgung der Städte Cottbus und Peitz ab.

Südlich von Leipzig treffen sich im Morgengrauen Hunderte Klimaaktivisten in weißen Ganzkörperanzügen. Der Landkreis Leipzig hatte dort im Braunkohlerevier per Allgemeinverfügung weiträumig das Versammlungsrecht beschränkt. Eine von Fridays for Future geplante Demonstration fand daher nicht statt. Kohle-Gegner des Bündnisses "Ende Gelände" laufen dennoch – begleitet von Polizei – durch Wald und Äcker bis zur Kante des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. "Die Ernteausfälle ersetzen wir den Landwirten", sagt Bündnis-Sprecherin Sina Reisch.

Wandel nur von unten?

Auch Frida Bergmann ist bei den Protesten mit dabei. "Der Wandel kann nur von unten stattfinden", sagt sie, bevor die Aktivisten einen Zaun umrennen und ohne großen Widerstand in den Tagebau eindringen.

Von den Aktionen macht sich am Nachmittag auch Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) ein Bild – auf einer Aussichtsplattform am Rande des Tagebaus. "Besetzen macht kein gutes Klima. Sicherheit geht vor", steht auf einem Schild, das Mitarbeiter des Tagebau-Betreibers Mibrag dort aufgehängt hatten.

Wöllers Brandenburger Kollege, Innenminister Michael Stübgen (CDU), ist zum Kraftwerk Jänschwalde gekommen. Sein Berater habe ihm zwar davon abgeraten, aber er habe dort sein wollen, wo Leag-Mitarbeiter und Polizei sind, sagt er. "Es hat keinen Zweck, wenn man sich gegenseitig aufheizt". Man müsse einen kühlen Kopf bewahren, versucht der Minister zu beruhigen. Zuvor hatten rund 200 Aktivisten am Morgen versucht, auf das Gelände des Kraftwerks Jänschwalde einzudringen. Die Polizei sicherte das Areal mit einem großen Kräfteaufgebot ab.

Am Nachmittag kommen erste Informationen, dass Hunderte Klimaschützer die Tagebaue im Lausitzer – und Leipziger Revier freiwillig verlassen. Sie werden von der Polizei aus den Gruben gebracht. Von zahlreichen Kohle-Gegnern werden Personalien aufgenommen.

Ein positives Fazit

"Ende Gelände" zieht trotzdem ein positives Fazit. "Wir sind zufrieden mit der erfolgreichen Aktion und sind glücklich, dass wir heute ein so starkes Zeichen für Klimagerechtigkeit setzen konnten", sagt Sprecherin Mahlhaus.

Am Ende des Tages ist auch die 25-jährige Frida Bergmann "sehr zufrieden mit der erfolgreichen Aktion". Es sei toll gewesen, direkt vor dem Braunkohlebagger zu stehen. Vereinzelt habe die Polizei gewaltsam Aktivisten mitgenommen, so Bergmann. Das bestätigt auch ein Polizeisprecher. Er spricht von etwa 1200 Aktivisten, die in die Grube in Schleenhain eindrangen. Die Tagebau-Betreiber Leag und Mibrag erstatteten Anzeige.