New York/London (dpa) l Das bei dem Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal verwendete Nervengift stammt einem Bericht zufolge aus einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany. Dort seien kleinere Mengen des Kampfstoffs Nowitschok gelagert worden, berichtete die britische Zeitung „The Times“. Geheimdienstinformationen wiesen klar auf Schichany hin, sagte der britische Chemiewaffen-Experte Hamish de Bretton-Gordon der Zeitung. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Gift aus anderen Laboratorien der früheren Sowjetunion stamme, etwa aus der Ukraine oder Usbekistan.

Der Kreml wies den Bericht umgehend zurück. „Russland hat nach eigener Darstellung alle seine Chemiewaffen zwischen 2002 und 2017 vernichtet. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) habe dies bezeugt, hatten die Behörden zuletzt mehrfach betont.

Auf dem Weg der Besserung

Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury entdeckt worden. Die 33-Jährige sei auf dem Wege der Besserung, auch ihrem Vater gehe es inzwischen deutlich besser und er sei nicht mehr in einem kritischen Zustand, teilte sie via Scotland Yard mit.

Auch bei einer auf Bitten Moskaus kurzfristig einberufenen Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York war es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen beiden Ländern gekommen.

Absurdes Theater

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja sprach von einem „absurden Theater“. „Hätten Sie nicht eine bessere erfundene Geschichte präsentieren können?“, fragte er. „Wir haben unseren britischen Kollegen gesagt, dass sie mit dem Feuer spielen und das noch bereuen werden.“

Nebensja sprach weiter von einem „Propaganda-Krieg“, der gegen sein Land angezettelt werde. Ziel sei es, Russland „zu diskreditieren und zu delegitimisieren“. Mit Blick auf den Propagandaminister im nationalsozialistischen Deutschland sprach Nebensja von „Goebbels-Methoden“. Und ergänzte: „Lügen, die man tausendmal wiederholt, werden zur Wahrheit.“

Unverantwortliches Verhalten

Die britische UN-Botschafterin Karen Pierce wies das zurück. Das Ganze sei „Teil eines größeren Musters von unverantwortlichem Verhalten Russlands“, erwiderte Pierce. „Ich höre mir keine Moralpredigten von einem Land an, das alles getan hat, um Ermittlungen gegen Syriens Chemiewaffen zu verhindern.“

London bezichtigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Drahtzieher des Attentats. Moskau habe das Nowitschok-Gift produziert und für potenzielle Attentate gehortet, sagte der britische Außenminister Boris Johnson. Der britische Botschafter in Deutschland, Sebastian Wood, sprach im Deutschlandfunk von einem noch existenten Nowitschok-Geheimprogramm.

Gift war auf Türklinke

Das Gift war den Ermittlern zufolge wahrscheinlich auf die Türklinke von Skripals Haus geschmiert worden. Das Gebäude war zunächst versiegelt worden. Ein Tierarzt entdeckte später zwei verhungerte Meerschweinchen und eine Katze, die eingeschläfert werden musste.

Skripal, der für den russischen Militärgeheimdienst GRU arbeitete und dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 Informationen weiterleitete, flog 2004 auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Großbritannien. Seitdem lebte in Salisbury.