Goma l Jeden Tag strömen Hunderte ausgemergelte Flüchtlinge aus dem Zentrum des Kongos über die Grenze nach Angola. „Manche haben relativ schwere Verletzungen“, darunter auch Kinder mit großflächigen Verbrennungen, sagt Pumla Rulashe vom UN-Flüchtlingswerk (UNHCR). Sie fliehen vor dem Konflikt in Kongos Region Kasai. „Die Flüchtlinge sagen, dass sie in ihren Dörfern angegriffen wurden, dass Häuser niedergebrannt und die Bewohner mit Macheten attackiert wurden.“

Doch die etwa 30 000 kongolesischen Flüchtlinge in Angola sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Konflikt in Kasai hat seit vergangenem August – von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt – eine Massenflucht ausgelöst. Rund 1,3 Millionen Menschen sind nach UN-Angaben wegen der Gewalt in andere Landesteile geflohen. Die meisten Binnenflüchtlinge lebten zuvor von dem, was sie auf ihrem Land anbauten, und haben damit auch ihre Lebensgrundlage verloren.

Allein im vergangenen Jahr sind im Kongo über 920 000 Menschen geflohen, mehr als in jedem anderen Land der Welt, wie das in Genf ansässige Zentrum zur Beobachtung von Vertreibung (IDMC) berichtet. „Nicht mal die brutalen Kriege in Syrien oder im Jemen haben letztes Jahr so viele Menschen zur Flucht gezwungen“, erklärte die Kongo-Direktorin des Norwegischen Flüchtlingsrats (NRC), Ulrika Blom.

Die jüngste Krise trifft ein gebeuteltes Land; im Osten des Kongos treiben seit Jahren zahlreiche Milizen und Rebellengruppen ihr Unwesen – trotz einer rund 20 000 Mann starken UN-Friedenstruppe. Der Konflikt in der armen, aber bis dahin friedlichen Region Kasai entzündete sich 2016 an einem scheinbar kleinen Problem.

Die Regierung weigerte sich, den traditionell ernannten Stammesführer Kamuina Nsapu anzuerkennen. Die Stammesführer entsprechen wichtigen Beamten, die Angelegenheiten der Dörfer regeln und vom Staat bezahlt werden. Die Entscheidung der Regierung „hat schnell den seit langem bestehenden politisch und wirtschaftlich motivierten Frust in Kasai geweckt“, erklärt die Denkfabrik International Crisis Group (ICG).

Aufstand der Ameise

Stammesführer Kamuina Nsapu, mit bürgerlichem Namen Jean-Pierre Mpandi, stachelte seine Gefolgsleute an – und die Sicherheitskräfte griffen mit harter Hand durch, was die Proteste weiter befeuerte. Im August wurde Kamuina Nsapu – der Name bedeutet in der örtlichen Sprache Tshiluba „Schwarze Ameise“ – zusammen mit einigen Gefolgsleuten von Sicherheitskräften getötet. Danach wurde der „Aufstand der Ameise“ endgültig zu einer Rebellion gegen die Regierung.

Der Kamuina-Nsapu-Miliz werden schwere Verbrechen vorgeworfen, zum Beispiel die Enthauptung von 40 Polizisten im März. Sie sollen nach UN-Angaben auch rund 2000 Kinder zwangsrekrutiert haben. Doch auch die Sicherheitskräfte gehen auf Anordnung von Präsident Joseph Kabila rabiat vor, ohne viel Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. UN-Experten haben 42 Massengräber dokumentiert, in denen vor allem Mitglieder und Unterstützer der Bewegung Kamuina Nsapu begraben sein sollen.

Dem Konflikt sind nach Polizei und UN-Angaben bereits mehr als 1000 Menschen zum Opfer gefallen. Das wahre Ausmaß der Gewalt in der relativ abgeschiedenen Region lässt sich jedoch nur erahnen: Die Situation muss dramatisch sein, wenn 1,3 Millionen Menschen lieber ihr Zuhause aufgeben, um in einem sicheren Landesteil neu anzufangen.

Der mittelafrikanische Kongo ist mehr als sechsmal so groß wie Deutschland. Trotz reicher Rohstoffvorkommen gehört er zu den ärmsten Ländern der Welt. Jedes zehnte Kind stirbt der Weltbank zufolge noch vor dem fünften Geburtstag, in Deutschland ist es knapp jedes 300. In Kasai werden Unicef zufolge dieses Jahr bis zu 400 000 Kinder an Mangelernährung leiden, einem lebensgefährlichen Zustand.

Die Regierung scheint unfähig oder unwillig, den Konflikt zu beenden. Oppositionelle werfen Kabila vor, den Konflikt bewusst eskalieren zu lassen, denn so lange in Kasai gekämpft wird, kann es keine Wahlen geben. Sein zweites Mandat endete 2016, er tritt jedoch nicht ab. Er kann nicht erneut kandidieren, findet jedoch immer neue Gründe, wieso die Wahlen nicht stattfinden können.

Schwache Opposition

Unter Vermittlung der katholischen Kirche stimmte Kabila zu, bis Ende 2017 wählen zu lassen. Doch kürzlich sagte er dem „Spiegel“: „Ich habe gar nichts versprochen!“ Er hat viel zu verlieren. Einer Recherche der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge hat seine Familie durch ein Netz von Unternehmen Hunderte Millionen Dollar Vermögen angehäuft.

Seine Gegner haben keine klare Führung. Der beliebte Oppositionsführer Moise Katumbi ist ins Ausland geflohen, nachdem er in einem offenbar politisch motivierten Prozess zu einer Haftstrafe verurteilt worden war.