Moskau l Pawel Durow trägt Schwarz, hat ein kantiges Gesicht und einen fokussierten Blick. Das lässt den Selfmade-Man des russischen Internets so unnachgiebig wirken. Es sind gute Zeiten für ihn, dieses Image weiter zu pflegen. Doch die denkbar schlechtesten, was den Anlass betrifft: Sein soziales Netzwerk Telegram ist seit Montag in Russland offiziell gesperrt.

Telegram gilt als unheimlich beliebt mit landesweit 15 Millionen Nutzern. Die Nachricht erschütterte Netz und Internetmedien gleichermaßen. Seit Jahren verschärft der Kreml die Netzkontrolle. Kaum einen Monat, nachdem sich Wladimir Putin seine vierte Amtszeit gesichert hat, geht die Internetzensur im Land nun so weit wie noch nie.

Alexander Pljuschtschew, ein bekannter, mit Netzthemen vertrauter Journalist aus Moskau, schreibt in der russischen Ausgabe der „Deutschen Welle“: „Ich gebe zu, ich dachte nicht, dass das wirklich geschehen wird: Dass Russland sich dem Haufen autoritärer Länder anschließt, wo der modernste Messengerdienst gesperrt wird – zumal er aus heimischer Produktion ist.“

Durow, Erfinder von Telegram, ist gebürtiger Petersburger. Er hat den Dienst entwickelt, groß rausgebracht und steht seit geraumer Zeit auch in Iran unter Druck, womöglich gesperrt zu werden. Das millardenschwere Mathe-Genie Durow hat sich in den Nullerjahren mit dem Facebook-Klon VK einen Namen gemacht. In Russland heute das beliebteste Netzwerk überhaupt. Doch Durow selbst fiel in Ungnade, als er die Herausgabe von Daten verweigerte. Er gab VK ab und ging 2014 ins Exil. Seitdem gehört das Netzwerk einem kremlnahen Medienimperium.

Telegram als Durows neues Projekt kommt mittlerweile auf 200 Millionen Nutzer weltweit. Der schwere Vorwurf gegen den Dienst: Nach dem Anschlag auf die Metro in St. Petersburg vom April 2017 gehen Ermittler des Inlandsgeheimdienstes FSB davon aus, dass Telegram für die Kommunikation der Terroristen genutzt wurde. Nach Monaten der Konfrontation hatte die Medienaufsicht per Gericht nun die Internetsperre durchgesetzt.

120.000 gesperrt Homepages

In Russland gibt es laut Netzaktivisten der Initiative Roskomswoboda etwa 120.000 gesperrte Seiten. Darunter sind viele Inhalte, mit denen die Sperrgesetze einmal begründet wurden, von Piraterie bis Drogenhandel. Doch finden sich auch oppositionelle Seiten auf den schwarzen Listen, zudem bereits andere, kleinere Soziale Netzwerke als Telegram. Das weltweit prominenteste Opfer ist das Businessnetzwerk LinkedIn, das in Russland jedoch vergleichsweise wenige Nutzer hat.

Offiziell begründet werden solche Sperren mit gesetzlichen Vorschriften, wonach Daten russischer Nutzer auf Server innerhalb Russlands zu speichern sind. Daran geknüpft ist eine umfassende Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst FSB, inklusive Übergabe der Codes, um Zugriff auf – die vielfach verschlüsselten – Chatnachrichten zu erhalten. Dem verweigern sich viele, darunter die Social-Media-Riesen Facebook, Youtube und Twitter. Auch Durow hat sich mit Telegram immer dagegen gewehrt, das ähnlich wie Whatsapp funktioniert. Es gilt als weit vorn bei verschlüsselter Kommunikation. Nutzer können Nachrichten und Fotos verschicken oder in Kanälen ähnlich wie an einer Pinnwand Blogeinträge schreiben. Der Dienst ist kostenfrei.

Für wie nutzlos er das Vorgehen der Behörden hält, ließ Durow in einem Statement wissen. Es ändere nichts am Niveau terroristischer Bedrohung für Russland, schrieb er. Dies bleibe wie bisher bestehen. „Extremisten werden weiter verschlüsselte Kanäle benutzen, nur auf anderen Messengern.“

Im Herbst hatte er noch mitteilen lassen, es seien rund 8500 Känale mit Verbindungen zu Terrorismus auf Telegram geschlossen worden. Es half nichts. Telegram ist jetzt der größte, nach russischen Gesetzen legale Zensurvorgang, den die Internetgeschichte des Landes bisher gesehen hat.

Durow sitzt heute mit seinem Entwickler-Team in Dubai und kündigte an, Telegrams Programmierung so anzupassen, dass die Internetzensur in Russland automatisch umgangen werde. Bis es soweit ist, hat er die Nutzer auf seiner Seite. Sie luden bereits im Vorfeld Software-Lösungen herunter, die den Zugang trotz Blocking offen halten.