Al-Asrak/Berlin (dpa) l Frische Fahrspuren im Wüstensand. Bewegt sich hier die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in ihren Rückzugsgebieten? Die internationale Koalition gegen den IS ("Counter Daesh") – ein Bündnis aus 75 Staaten – setzt zur Aufklärung im Luftraum über dem Irak und Syrien auf Tornados der Luftwaffe.

Am 31. Oktober läuft das Mandat für den Einsatz aus. Vorher müssen sich Union und SPD einig werden, ob sie den Einsatz fortsetzen wollen. Aus der SPD gibt es die Forderung nach einem Ende – wie es der Bundestag beschlossen hatte. Kommende Woche ist die Sommerpause des Bundestages vorbei. Dann kommt das Thema auf den Tisch.

"Unsere Aufklärungsfähigkeiten sind weiterhin sehr gefragt, weil sie letztlich ein Schlüssel zum Erfolg im andauernden Kampf gegen den IS sind", sagt Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz der Deutschen Presse-Agentur. "Die Luftwaffe wäre in der Lage, ihren Beitrag hierzu auch in Zukunft leisten zu können."

Außenminister Heiko Maas forderte in der vergangenen Woche, ein neues Mandat müsse diskutiert werden. Man könne nicht so tun, "als ob sich im letzten Jahr nicht vieles verändert hat in dieser Region", sagte er zur Eröffnung der Botschafterkonferenz im Auswärtigen Amt.

Die deutsche Beteiligung am Kampf gegen den IS war Reaktion auf die Terroranschläge der Islamisten in Paris im November 2015. Frankreich hatte um Unterstützung gebeten, und der Bundestag gab grünes Licht: Tornado-Aufklärungsflugzeuge, Tankflugzeuge, später auch Ausbilder für Sicherheitskräfte im Irak wurden geschickt. Und zwei Mal begleitete eine deutsche Fregatte einen französischen Flugzeugträger bei Einsätzen gegen den IS.

Schnell wurde der Beschluss gefasst und das Mandat im Dezember 2015 erteilt. Schon wenige Tage später war die Luftwaffe mit ersten Soldaten und Luftfahrzeugen im Einsatz.

Mit den Tornados hat die Luftwaffe eine Art Alleinstellungsmerkmal im Kampf gegen die Islamisten. Mehr als 2000 Einsatzflüge gab es bisher. Über Syrien liefert die Bundeswehr dem Anti-IS-Bündnis inzwischen fast 100 Prozent dieser Aufklärung. Die Tornados machen es möglich – anders als langsam fliegende Drohnen – schnell auf neue Lagen in den Weiten der Wüsten zu reagieren. Die in der Fläche geschlagene Terrormiliz hat sich in den Untergrund zurückgezogen und bildet neue Netzwerke. Über Syrien und dem Irak ist die Luftwaffe ihnen dabei dicht auf der Spur – enger sogar, als bisher öffentlich bekannt war.

Oberst Kristof Conrath ist Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 "Immelmann", beheimatet auf dem Fliegerhorst Jagel in Schleswig-Holstein. Zu dem Geschwader gehören die Luftbildauswerter. Conrath war schon als Führer des deutschen Kontingents der Anti-IS-Koalition auf dem jordanischen Militärflugplatz Al-Asrak im Einsatz. Von dort starten auch die deutschen Tornado-Aufklärer.

"Es sind Fotos in sehr hoher Auflösung, und sie können auch in großer Frequenz gemacht werden. Man kann schon sehr genau sehen, was sich am Boden abspielt", sagt Conrath der Deutschen Presse-Agentur. "Das geübte Auge erkennt gewisse Schattierungen und Schatten. Ist es ein Stock oder ist es ein Maschinengewehr? Das kann man sehen."

Die Ausbildung der Luftbildauswerter dauere mehrere Jahre. "So etwas, in der Güte, gibt es kaum in Europa", sagt er. Die Schulung findet an einem "Ausbildungszentrum für Abbildende Aufklärung der Luftwaffe (AZAALw)" statt. Die Luftwaffe bildet auch Verbündete aus. Geplant ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums für die begehrten Kenntnisse. Die Spezialisierung ist ein Grund für den Erfolg im Einsatz.

"Wir sind Spezialisten und machen es als Hauptauftrag. Andere machen es als Zweit- oder Drittfunktion", sagt Conrath. Die Aufnahmen werden mit sachlichen Beschreibungen zu einer Art Powerpointpräsentation aufgearbeitet und an das Hauptquartier übermittelt. Dort wird auf Basis der Informationen aus der Luftaufklärung und anderen Erkenntnissen über Einsätze entschieden.

Die Bundeswehr legt Wert darauf, eine von mehreren Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Der deutsche "Red Card Holder" kann die rote Karte zücken, wenn Einsätze nicht mit dem deutschen Mandat konform sind. Schon die Aufträge dürfen nur der Aufklärung von IS-Zielen dienen. Befürchtet worden war am Anfang beispielsweise, dem Nato-Verbündeten Türkei könnten deutsche Aufnahme kurdischer Stellungen in die Hände kommen – und dann für Angriffe benutzt werden. "In der Beauftragung muss eindeutig ein IS-Bezug erkennbar sein", sagt Conrath.

Dann kann es "kinetisch" werden, wie es bei der Luftwaffe heißt. Der Begriff steht für die Bewegungsenergie, die beim Einsatz von Bomben oder Raketen auf das Ziel wirkt. Je besser die Aufklärung, desto unwahrscheinlicher seien zivile Opfer, wird argumentiert. Eine der Aufgaben ist auch das "battle damage assessment", die Überprüfung, welche Wirkung ein Angriff im Ziel hatte. Bis zum späten Frühjahr flogen die Kampfflugzeuge der Anti-IS-Koalition noch mehr Angriffe und kehrten dann regelmäßig ohne ihre Bombenlast zurück auf die Stützpunkte. Dann war das IS-Kalifat zerschlagen.

Der Kampf gegen den IS ist nun in eine neue Phase getreten. Der Einsatz gegen den in den Untergrund abgetauchten IS sei in den großen Gebieten wie die "Suche nach der Nadel im Heuhaufen", sagte Luftwaffen-Oberst Gero von Fritschen, zuletzt Kontingentführer in Al-Asrak, beim Besuch von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).

Gesucht werde nach Unterschlupfen oder nach IS-Depots. Verstecke können auch Höhlen sein, an denen Bautätigkeiten zu erkennen sind. Und der IS kann illegale Kontrollstellen errichten. "Das geht in Bereiche, die fast schon kriminalistische Strukturen haben", beschreibt von Fritschen die Arbeit.

Die Koalition spricht von "points of interest", auf die die Luftwaffe im Auftrag des Hauptquartiers einen genaueren Blick werfen soll, bevor Spezialeinheiten am Boden vorrücken. Es fliegen dann immer zwei Tornados in den Himmel über das Kriegsgebiet. Jetzt und auch in der Zukunft werde die Terrormiliz Rückzugsgebiete haben, jedenfalls auf absehbare Zeit, sagen deutsche Offiziere.

Auch russische Kampfflugzeuge sind in der Region in der Luft. Damit brenzlige Situationen vermieden werden, gibt es Absprachen, also auch Gesprächskanäle. Keine Partei will der anderen in der Luft gefährlich nahe kommen. Vereinfacht gesagt: Der Luftraum wurde aufgeteilt, damit es nicht knallt.