Rom (dpa) l Was sein Leben ruiniert hat, steht auf seinem T-Shirt geschrieben: „Mit neun Jahren missbraucht“. Von einem Priester in Rom. In der italienischen Hauptstadt steht Piero Brogi nun mit seinen mittlerweile 55 Jahren unweit des Petersdoms und kämpft um Gerechtigkeit für die Taten, die ihm angetan wurden. Doch Brogi und seine Gruppe von Missbrauchsopfern gehen im Touristentrubel unter, schon bald werden sie von der Polizei aus dem Blickfeld vom Vatikan verbannt.

In Deutschland, Chile oder den USA haben zuletzt Missbräuche in der katholischen Kirche großes Aufsehen erregt und das Pontifikat von Papst Franziskus in eine tiefe Krise gestürzt. Doch im Vorhof des Vatikans – genau vor der Haustür des Papstes – ist es verdächtig ruhig. Wie ist es möglich, dass es in dem Land, in dem rund 35.000 katholische Priester leben, bislang keinen einzigen Skandal gab?

Missbrauchsskandal sei keine Krise

Der Missbrauchsskandal sei „eine globale Krise, doch es scheint so, als wäre es keine italienische Krise – noch nicht“, sagt Matthias Katsch. Der Vorsitzende des deutschen Betroffenenverbands „Eckiger Tisch“ spricht in Rom. Er ist anlässlich der dreieinhalbwöchigen Bischofssynode gekommen, die morgen endet und bei der auch das Thema Missbrauch besprochen wurde. Er hält es für unwahrscheinlich, dass es in einem System wie der katholischen Kirche nicht allerorts die gleichen Probleme gibt.

Und dass es Missbrauchsfälle in Italien gab, ist belegt. Im Institut Provolo bei Verona zum Beispiel wurden taubstumme Kinder jahrzehntelang von Priestern missbraucht. Trotzdem blieb der große Aufschrei aus. „Für pädophile Priester ist Italien eine Insel des Glücks“, sagt Francesco Zanardi vom italienischen Opferverband Rete l‘Abuso. Der Verband bietet Betroffenen nicht nur Hilfe an, er hat auch online Listen verurteilter oder verdächtigter Priester und eine Karte mit „unsicheren Pfarreien“ veröffentlicht. Weil es in Italien bislang keine offizielle Datenbank gibt, die die Fälle erfasst, sei man gezwungen, sich selbst zu kümmern.

Zanardi wirft auch den nationalen Medien vor, das Thema zu ignorieren. Wenn es ein Fall in eine Zeitung schafft, wird er meist nur im Lokalteil abgehandelt. Aber auch die Politik schweige. „Habt ihr je einen Politiker gehört, der über die Krise der Pädophilie spricht? Nein!“

Schmerzhafte Erinnerungen

Brogi hat seine Geschichte auf der Internetseite von Rete l‘Abuso ausführlich geschildert: „Die Erinnerungen an meine Kindheit waren immer ein Mysterium.“ Brogi erlebte eine exzessive Jugend, er wurde heroinabhängig, schaffte den Absprung, zog nach Paris und heiratete. Doch irgendetwas stimmte nicht. „Ich war verwirrt, Opfer eines Durcheinanders, das lange zurückliegt.“ Erst, als er eine Psychotherapie begann, fand er seine Erinnerung wieder. Schmerzhafte, im tiefsten Innern versteckte Erinnerungen. Es war eine Amnesie, die das Trauma des Missbrauchs ausgelöst hatte, die ihn mehr als 50 Jahre seines Lebens glauben ließen, alles wäre ziemlich normal. „Seitdem ist mein Leben zerstört“, sagt er.

Geschichten wie seine sind keine, die man sich gerne anhört. Und diese Tatsache ist Teil der Erklärung, die der deutsche Pater Hans Zollner dafür hat, dass es in Italien bislang keinen Missbrauchsskandal gibt. Obwohl jede Woche, jeden Monat neue Fälle bekannt werden. „Es gibt keine einfache Erklärung“, sagt der Jesuit, der an der Päpstlichen Gregoriana-Universität in Rom lehrt und als Experte für den Schutz von Minderjährigen gilt. „Ich denke, es hat mit der Sensibilisierung einer Gesellschaft und der Fähigkeit, über ein Thema zu sprechen, zu tun, das sehr, sehr traurig und sehr, sehr schwer ist für die ganze Gesellschaft, nicht nur für die Kirche. Denn es zeigt uns das Gesicht einer Wirklichkeit, die viel verbreiteter ist, als uns bewusst ist.“

Die italienische Gesellschaft leugne das Problem in gewisser Weise noch immer, sagt Zollner. Das zeige sich auch daran, dass die #MeToo-Debatte keine hohen Wellen geschlagen habe.„Italien ist ein Pädophilen-Paradies geworden“, meint Brogi. Der Papst ändere daran nichts. „In Italien sagt man, der Fisch stinkt vom Kopf.“