Berlin (dpa) l Er demonstriert Selbstbewusstsein bis zum Anschlag. Peter-Michael Diestel, letzter DDR-Innenminister, Jurist, CDU-Mitglied und bekennender Ostdeutscher hat ein neues Buch mit dem - je nach Sichtweise – ironischen oder provozierenden Titel "In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfe ich für die Einheit" vorgelegt. Wenige Wochen vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls bieten Rückblicke und Betrachtungen des heute 67-Jährigen über den Zustand Deutschlands viel Stoff zum streithaften Diskutieren. Zudem könnten sich gerade in den neuen Ländern viele ältere Seelen gestreichelt fühlen. So mancher dürfte sich mit seinen Erfahrungen wiederfinden.

Zählten allein ethisch-moralische Qualitäten, blieben viele Reihen in den Parlamenten leer, stichelt Diestel, der in Mecklenburg-Vorpommern lebt. Im Wald sorge der Waidmann für das Gleichgewicht und gesunde Verhältnisse, sinniert der Autor. "Wer besorgt es in der Gesellschaft? Der Souverän, das Volk, an der Urne? Herrliche Einfalt!". Das Buch aus dem Verlag Das Neue Berlin (Eulenspiegel-Verlagsgruppe) sollte am Montag (19.00 Uhr) in Berlin offiziell vorgestellt werden.

Er sei DDR-Zeitzeuge, reklamiert der Anwalt für sich. Er versuche, die seit der Einheit vorherrschende DDR-Sicht zu revidieren oder differenzieren. Und wieder ein echter Diestel: Auf seinem Handy seien als Klingelton die ersten Takte der "wunderbaren DDR-Nationalhymne" zu hören. Er wolle daran erinnert werden, woher er komme, was ihn geprägt habe und "wozu ich stehe". Das wirke der Geschichtsvergessenheit entgegen, findet der gelernte Rinderzüchter und spätere Anwalt.

Wie Heuschrecken eingefallen

Der Mann mit dem Hang zum Zuspitzen erinnert sich, wie er als Chef des Innenressorts in der ersten frei gewählten und zugleich letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière 1990 das Ministerium für Staatssicherheit auflösen sollte. Westdeutsche Berater seien wie die Heuschrecken in Ost-Berlin eingefallen. Die CSU – vermutlich aus Sorge, zu kurz zu kommen, notiert Diestel – habe ihm eine ganze Truppe geschickt mit dem Auftrag zu helfen. Der Ostdeutsche gehörte zu den Gründern der DSU (Deutsche Soziale Union).

In seiner Blauäugigkeit habe er erst später gemerkt, dass Bonn eigene Interessen verfolgt habe. "Wichtige Leute von der DDR-Aufklärung" habe man kontaktieren wollen. Die hätten aber eisern geschwiegen. Sie wollten ihr Wissen demnach nur bei juristischer Gleichbehandlung der Spione aus Ost und West im vereinten Deutschland preisgeben. "Diese Verabredung aber kam nie zustande." Einige der Ost-Aufklärer hätten sich unerkannt nach Moskau absetzen können, so der Autor, bei dessen letzter Hochzeit de Maizière und Linken-Politiker Gregor Gysi Trauzeugen waren.

Diestel zollt in seinem Buch den Zehntausenden Ex-Mitarbeitern des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) Respekt: Sie hätten sich der neuen Rechts- und Moralordnung nicht entgegen gestellt, so seine Sicht der Dinge. "Loyal halfen sie mit, sich selbst abzuwickeln". Sie hätten Anteil daran, dass die deutsche Einheit nicht mit Blut befleckt wurde. Er frage sich, ob frühere DDR-Geheimdienstler die "fortgesetzte gesellschaftliche Ächtung" verdient hätten.

Gutes Verhältnis zu Kohl

Die Antwort gibt sich Diestel selbst: Das Bundeskabinett habe jetzt die Überprüfung auf Stasi-Tätigkeit bis Ende 2030 beschlossen. Wer dann jünger als 60 ist, "war zum Ende der DDR nicht mal Pionier", wirft Diestel ein. "Wäre ich ein linker Radikaler, der ich bekanntlich nicht bin, würde ich meinen, es handele sich um Methoden eines Polizeistaates, die demokratisch verhüllt werden", wettert der CDU-Mann, der ein Regierungsamt in Bonn nach der Einheit ablehnte. "Ich wollte im Osten bleiben." Kritiker hatten Diestel wiederholt einen verharmlosenden Umgang mit dem MfS vorgeworfen.

Respekt zollt er in vielerlei Richtungen: So verweist Diestel auf sein damaliges "angenehm menschliches Verhältnis" zu Bundeskanzler Helmut Kohl. Er schreibt auch "mein Freund Manfred Stolpe von der SPD" über den früheren Ministerpräsidenten in Brandenburg, und den langjährigen Spionagechef der Stasi, Markus Wolf, bezeichnet er als Helden.

Diestel hatte nur rund ein halbes Jahr das Ministeramt bis zum Ende der DDR. In seiner Ära erfuhr die überraschte Öffentlichkeit im Juni 1990 auch, dass die DDR Mitgliedern der links-terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) Unterschlupf gewährt und sie mit anderen Identitäten ausgestattet hatte.

Diestel fragt sich im Buch, warum 1990 der Einigungsvertrag von einem Innenminister (Wolfgang Schäuble) und einem Staatssekretär (Günther Krause) unterschrieben wurde. "Das wäre doch mindestens ein Akt der Staatsoberhäupter, mindestens aber der Regierungschefs gewesen und nicht von zwei Regierungsbeamten." Und trotzdem sei die deutsche Einheit für ihn einmalig schön. Die Ostdeutschen hätten die Spaltung der Nation überwunden, findet Diestel. Und er sei frei und könne alles sagen – ohne Maulkorb.