Berlin (dpa) l Dass der Mensch den Klimawandel verursacht, leugnet die AfD. Im neuen Bundestag haben ihre Abgeordneten selbst kräftig dazu beigetragen, dass sich das parlamentarische Klima grundlegend verändert hat. Knapp ein Jahr ist seit der konstituierenden Sitzung vergangen. Ein Jahr, im dem die Zwischenrufe bisweilen wie Giftpfeile durch den Plenarsaal geflogen sind.

Ein Jahr, in dem die Abgeordneten der anderen Fraktionen gelernt haben, Redebeiträge der AfDler zu ertragen – so wie man einen verdorbenen Magen erträgt. Besonders schwer verdaulich finden viele von ihnen die Einlassungen des AfD-Abgeordneten Gottfried Curio. Viele AfD-Anhänger feiern ihn dafür. Sie genießen es, wenn Curio im Bundestag sagt, Regierungschefin Angela Merkel sei eine „Kanzlerin der Ausländer“ und gehöre „nicht länger zu Deutschland“.

Häufige Provokationen

Curio trägt seine Reden stets ohne den Hauch eines Lächelns vor. Im Plenum sagt er: „Ein zur Regel entarteter Doppelpass untergräbt Staat und Demokratie. Das wollen wir nicht.“ „Entartete Kunst“ war während der Nazi-Diktatur ein Propaganda-Begriff für Kunst, die nicht dem Ideal der Nationalsozialisten entsprach. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ruft Curio zu: „Schämen Sie sich!“ und „Haben Sie denn überhaupt keinen Anstand?“.

Die „Entartung“ kennt man auch in der Quantenmechanik, mit der sich der Physiker Curio gut auskennt. Was sich der AfD-Obmann im Innenausschuss bei seiner Wortwahl gedacht hat, weiß nur er selbst. Filiz Polat ist Grünen-Obfrau im Innenausschuss.

Debatten sind leidenschaftlicher

Sie trifft Curio deshalb auch häufig außerhalb des Plenarsaales in kleiner Runde. Die Bundestagsabgeordnete aus Niedersachsen sagt: „Curio ist eine der Speerspitzen der rassistischen und beschämenden Politik, für die diese Partei steht.“ Die AfD versuche, rechtsradikales Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Das dürfe man ihr nicht durchgehen lassen. Polat sagt, sie vermeide es in den Obleute-Runden des Ausschusses, Curio direkt anzusprechen. Warum? Sie sagt: „Ich habe familiäre Wurzeln in der Türkei. Mein Vater ist Muslim. Deshalb fühle ich mich von Curio und der AfD persönlich angegriffen.“ Dass die Große Koalition in diesem Bundestag nicht so übermächtig ist wie in der zurückliegenden Legislaturperiode, hat die Debatten belebt - da sind sich alle einig.

Armin Schuster ist seit 2009 Mitglied des Bundestages. Der CDU-Innenpolitiker sagt, die Diskussionen seien jetzt „spannender, pointierter, besser“. Ihn störe nur der „rhetorische Hooliganismus“ der AfD. Linda Teuteberg saß von 2009 bis 2013 im Landtag von Brandenburg. Bundestagsdebatten hat die Rechtsanwältin bis zum vergangenen Oktober nur am Bildschirm verfolgt. Sie sagt, die Debatten im Bundestag seien jetzt wieder lebhaft und leidenschaftlich, „nachdem es in den vergangenen Jahren eher langweilig war“.

AfD bleibt isoliert

Das liege daran, dass mit FDP und AfD „zwei sehr unterschiedliche Stimmen hinzugekommen sind“. Im Plenarsaal sitzen die FDP-Abgeordneten neben der AfD-Fraktion. FDP, Linke und Grüne haben in den vergangenen Monaten über alle ideologischen Gräben hinweg punktuell zusammengearbeitet. Um die offenen Fragen im Untersuchungsausschuss zum Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt besser beantworten zu können, streiten die drei Oppositionsparteien vor Gericht gemeinsam für die Freigabe von Dokumenten. Auch für eine Klage gegen das bayerische Polizeigesetz haben sie sich zusammengetan. Die AfD kämpft stets für sich alleine.

Einig sind sich die vier Oppositionsfraktionen nur in einem Punkt. Sie alle werfen der von Rivalitäten, politischem Streit und schmerzlichen Landtagswahl-Ergebnissen zermürbten Großen Koalition seit Monaten vor, sie sei zu stark mit sich selbst beschäftigt.