Berlin (dpa) l Nur dreieinhalb Wochen nach ihrem Start liegt die Große Koalition bei wichtigen Themen über Kreuz und streitet über den Ton in der Bundesregierung. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles griff am Wochenende die Minister Horst Seehofer (CSU) und Jens Spahn (CDU) an: Ihnen gehe es „viel zu sehr um Eigenprofilierung“, sagte die designierte SPD-Vorsitzende den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Seehofer hatte unter anderem mit seinem Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, eine hitzige Debatte entfacht. Spahn hatte mit scharfen Äußerungen zu Schwangerschaftsabbrüchen und mit seiner Forderung nach mehr „Recht und Ordnung“ für Wirbel gesorgt. In der SPD wird über eine Reform von Hartz IV diskutiert.

Morgen und übermorgen geht das neue Kabinett in Klausur. Ein Überblick über die drängenden Projekte:

Finanzen: Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) weiß, was er will. Und damit werden es die einzelnen Ressortchefs mit Sonderwünschen für ihre Etats schwer haben. Der Finanzminister will bis Ende April den Entwurf für den neuen Bundeshaushalt vorlegen – ohne neue Schulden, die „Schwarze Null“ soll stehen. Und Scholz will sogar schaffen, was Vorgänger Wolfgang Schäuble (CDU) noch nicht gelungen war: Der Anteil der Staatsschulden am Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll erstmals wieder unter die in den EU-Verträgen vorgeschriebene Marke von 60 Prozent sinken. 2017 verringerten sich die Schulden schon stark, die berühmte Schuldenuhr des Steuerzahlerbundes läuft nun rückwärts.

Diesel: Die grundsätzliche Linie der Bundesregierung ist klar: Sie will Fahrverbote für Dieselfahrzeuge unbedingt vermeiden, ebenso wie eine blaue Plakette, die viele Diesel von der Fahrt in bestimmte Innenstädte ausschließen würde. Darum geht es nun um technische Nachrüstungen älterer Diesel, sogenannte Hardware-Lösungen, um den Ausstoß zu verringern. Die Autobranche lehnt das bisher ab. In der SPD gibt es Forderungen, die Autoindustrie müsse zu Nachrüstungen verpflichtet werden. Wie der „Spiegel“ berichtet, erwägt die Regierung einen milliardenschweren Fonds, um einen Teil der Dieselflotte umzurüsten. Die Konzerne sollten fünf Milliarden Euro einzahlen, die Regierung würde weiteres Geld zuschießen.

Flüchtlinge: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) macht Tempo, gibt den Hardliner. Bis zum Sommer soll sein „Masterplan für Migration“ mit konsequenteren Abschiebungen und schnelleren Asylverfahren im Kabinett vorliegen. Im September oder Oktober sollen dann bis zu fünf Zentren für Migranten, in denen das gesamte Asylverfahren abgewickelt wird, fertig sein. Für Ärger sorgt aktuell ein alter Streitpunkt aus den Koalitionsverhandlungen. Ein Gesetzentwurf zum Familiennachzug unter anderem für viele syrische Flüchtlinge sieht strenge Kriterien für die Auswahl von maximal 1000 Angehörigen pro Monat vor. Die SPD hat Redebedarf, sie mutmaßt, Seehofer wolle das Monatskontingent auf unter 1000 drücken.

Kommissionen: Zwei Kommissionen müssen rasch gebildet werden – sie stehen für wichtige Vorhaben. Und sie bergen enormen Zündstoff. Die Kohle-Kommission soll noch in diesem Jahr ein Enddatum für den Kohleausstieg benennen, die finanzielle Absicherung des Strukturwandels in Kohleregionen klären und Klimaschutz-maßnahmen festlegen. Die Mobilitäts-Kommission soll bis Anfang 2019 eine Strategie erarbeiten, wie künftig eine bezahlbare und nachhaltige Mobilität aussehen kann.