Dortmund (dpa) l Im Sprachalltag scheint er noch einen festen Platz zu haben: "Um Gottes Willen" oder "Gott sei Dank" heißt es oft. Aber tatsächlich haben Glauben und Religion in der Bevölkerung keinen leichten Stand. Der katholischen und evangelischen Kirche kehren Jahr für Jahr Mitglieder zu Zehntausenden den Rücken. Einer Prognose zufolge wird von aktuell 44,8 Millionen (2017) Katholiken und Protestanten im Jahr 2060 gerade mal die Hälfte übrig bleiben. Reformstau und Missbrauchsskandale schaden massiv. Und ist Frömmigkeit schon lange keine Pflicht mehr. Den Osten Deutschlands sehen Experten gar als europäische Atheisten-Hochburg.

Keine rosigen Aussichten also kurz vor dem Evangelischen Kirchentag, der am kommenden Mittwoch (19. Juni) in Dortmund beginnt. Das gilt auch, wenn man auf den Nachwuchs schaut: Nur eine Minderheit der Kinder und Jugendlichen wachse noch in Haushalten auf, in denen eine religiöse Erziehung stattfinde, schildert Religionssoziologe Detlef Pollack von der Uni Münster. Unter 16- bis 25-Jährigen seien lediglich 25 Prozent in West- und zwölf Prozent in Ostdeutschland daheim mit Religion großgeworden. Auch künftig prognostiziert er hier weiter "Niedergang".

Welche Bedeutung hat der Glaube noch?

Der Präsident des 37. Kirchentags, Journalist Hans Leyendecker, beobachtet passend dazu: "Es gibt in der Tat junge Leute, die ihren Lehrer fragen, wer da der Mann am Kreuz ist und was er da macht." Welche Bedeutung haben Glaube und Religion noch für die Bevölkerung – jung wie alt? Fragt man nach, kommt erst mal ganz viel anderes, erläutert Pollack. Wichtig sind Familie und Kinder, gefolgt von Freizeit und Erholung, dann Beruf und Arbeit, Freunde und Bekannte, Politik und öffentliche Debatte. Abgeschlagen dahinter sind Religion und Kirche dran.

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Vielen sei der Gang ins Fußballstadion oder das Schwitzen beim Yoga "heilig". Das scheine oftmals den Besuch einer Kirche abgelöst zu haben, hieß es vor einigen Wochen auch bei einer Fachtagung in Essen. Eine kleinere – aber nicht irrelevante – Gruppe "glaube" an Astrologie, Magie, Steine, Kristalle, Reinkarnation oder Okkultismus, sagt Pollack, der im Exzellenzcluster Religion und Politik der Uni Münster forscht. Und: "In dem Maße, wie sich Wohlstand erhöht, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass Menschen ein distanziertes Verhältnis zu Religion sowie zum Glauben an Gott entwickeln." Das gelte nicht nur für Deutschland.

Bundesweit ist die Mitgliederzahl der katholischen Kirchen nach jüngsten Erhebungen auf 23,3 Millionen (2017) gesunken. Die evangelische Kirchen zählt noch 21,5 Millionen Protestanten. Für 2018 sind bisher nicht alle Zahlen bekannt, aber allein in Nordrhein-Westfalen waren es für die katholische und evangelische Kirche zusammen wieder gut 88.000 Aussteiger. Daneben geht das Bundesinnenministerium von 1,8 Millionen Mitgliedern der orthodoxen Kirchen und bis zu 4,7 Millionen Muslimen aus.

Christentum bleibt Teil der Kultur

Pollack zufolge fehlt den Kirchen der "kulturelle Unterboden." Große Sorgen bereitet ihm dieser Trend aber nicht, denn: "Das heißt ja nicht, dass die moralischen Werte verloren gehen. Religion ist nicht einzige Quelle für Haltungen wie Solidarität oder Gemeinschaftssinn." Das Christentum bleibe Teil der Kultur in Deutschland.

"Konfessionslos" ist auch nicht gleichzusetzen mit "atheistisch" – wer keiner Kirchen angehört, kann trotzdem glauben. Wie sieht es aus mit dem "Unglauben"? In Westdeutschland glaubt mehr als jeder Fünfte ausdrücklich nicht an Gott, wie Pollack schildert. Im Osten geben fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR rund 55 Prozent an, dass sie nicht an Gott glauben. "Der höchste Atheisten-Anteil in Europa", sagt der Religionssoziologe.

Kirchentagspräsident Leyendecker meint, dass etwa zwei Drittel der Menschen "irgendwo noch eine Gottesbeziehung" haben. Die beiden großen Kirchen sieht er auf dem Weg zu Minderheitskirchen. "Aber das ist nicht so schlimm. Kirchen werden wichtig bleiben für die Gesellschaft, auch wegen der Wertefragen. Aber sie müssen interessanter, spiritueller werden, mehr junge Leute gewinnen." Der Nachwuchs könne mit Kirche derzeit wenig anfangen. Trotzdem beten viele, sind durchaus religiös, beschreiben sich auch selbst als gläubig und stellen Sinnfragen, wie Leyendecker berichtet.

Keine sozialen Zwänge mehr

Und er wirkt nicht pessimistisch. Früher seien viele Menschen in die Kirche gegangen, weil man das eben so machte. Heute gebe es solche sozialen Zwänge nicht mehr. "Wer heute dabei ist, der ist es nicht aus Konvention, sondern weil er es will." Und: "Beim Kirchentag kommen ganz viel junge Leute zusammen und sehen: wir sind viele, Kirche ist jung. Das stärkt ungemein."