Washington/Ankara l Donald Trump ist stolz auf sein Bauchgefühl, erratische Entscheidungen des US-Präsidenten haben im Ausland schon oft zu Irritationen geführt. Ein solches Chaos hat aber selbst dieser Präsident außenpolitisch noch nicht angerichtet: Mit dem US-Truppenabzug aus Nordsyrien hat Trump der Türkei den Einmarsch dort ermöglicht, er hat die bisher mit den USA verbündeten Kurdenmilizen in die Arme des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und Russlands getrieben, und womöglich hat er der Terrormiliz IS neues Leben eingehaucht. Nun übt sich Trump in Schadensbegrenzung – mit Sanktionen gegen die Türkei.

Mit dem Truppenabzug hatte Trump in den USA einen Sturm der Entrüstung über Parteigrenzen hinweg ausgelöst. Enge Verbündete wie der Senator Lindsey Graham gehörten auf einmal zu den schärfsten Kritikern des Präsidenten. Der Druck auf Trump wuchs, gegen die türkische Offensive vorzugehen – zumal Graham deutlich machte, dass Republikaner und Demokraten im Kongress auch ohne Trump Strafmaßnahmen gegen Ankara verhängen würden.

Graham hatte dem Nato-Partner Türkei „Sanktionen aus der Hölle“ angedroht, die denen gegen den Iran ähnelten. So hart sind die Strafmaßnahmen nicht, die Trump jetzt verhängt hat. Sie werden die Türkei dennoch empfindlich treffen. Trump verdoppelt die Strafzölle auf türkische Stahlimporte wieder auf 50 Prozent, Gespräche über ein Handelsabkommen im Umfang von 100 Milliarden Dollar mit der Türkei sind gestoppt.

Forderung nach sofortiger Waffenruhe

Trump teilt mit, er habe Erdogan, seinem Amtskollegen in Ankara, unmissverständlich klargemacht: „Das Vorgehen der Türkei führt eine humanitäre Krise herbei und schafft die Voraussetzungen für mögliche Kriegsverbrechen.“ Trump fordert nun eine sofortige Waffenruhe in Nordsyrien – und schickt seinen Vize Mike Pence zu Verhandlungen nach Ankara, um das das „Blutvergießen“ (Pence) zu beenden.

Schon im August vergangenen Jahres hatte Trump der Türkei schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Damals forderte er die Freilassung des in der Türkei festgehaltenen US-Pastors Andrew Brunson, er verdoppelte die Zölle auf Stahlimporte aus der Türkei auf 50 Prozent. Erst im vergangenen Mai wurden sie wieder auf 25 Prozent reduziert. Die Maßnahmen beschleunigten die Talfahrt der Türkischen Lira dramatisch, sie hat sich bis heute nicht vollständig erholt.

Brunson ist längst wieder frei. Den außenpolitischen Schaden, den Trump mit seinem Truppenabzug angerichtet hat, können die neuen Sanktionen aber nicht rückgängig machen. Trump verstrickt sich seit Tagen in wirren und widersprüchlichen Aussagen, um seinen Schritt zu verteidigen. So sagte er etwa mit Blick auf die Kurden: „Sie haben uns nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen, sie haben uns nicht mit der Normandie geholfen.“ Kritiker verwiesen darauf, dass das für Deutschland und Japan allerdings ganz besonders gelte – und dass beide Länder heute zu den engsten US-Verbündeten gehören.

Trump twitterte, ihm sei egal, wer Assad bei der Verteidigung der Kurden helfe – „ob es Russland, China oder Napoleon Bonaparte ist“. Er verteidigte den Truppenabzug wiederholt mit seinem Versprechen, die US-Soldaten aus den „endlosen Kriegen“ zurück zu holen. Am Freitag kündigte das Pentagon dann an, zahlreiche Soldaten zur Verstärkung in den Nahen Osten zu schicken – nicht zum Schutz der Kurden, sondern zum Schutz Saudi-Arabiens gegen den Iran.

Schlingerkurs mit der Türkei

Auch im Umgang mit der Türkei fährt Trump einen Schlingerkurs, der im besten Fall unbeholfen wirkt. An einem Tag droht Trump, er werde die türkische Wirtschaft „vollständig zerstören“. Am nächsten Tag teilt er mit, er habe Erdogan für den 13. November ins Weiße Haus eingeladen: „Er kommt als mein Gast in die Vereinigten Staaten.“

Trump verweist auch darauf, dass die Türkei ein wichtiger Handelspartner der USA sei und den Stahlrahmen für den F-35-Kampfjet liefere. Trump nimmt es mit Details nicht genau, womöglich ist ihm entfallen, dass seine eigene Regierung Ankara aus dem F-35-Programm ausgeschlossen hat. Trumps Lieblingssender Fox News zitierte einen namentlich nicht genannten Soldaten der US-Spezialkräfte, die an der Seite der von der Kurdenmiliz YPG geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) waren, mit den Worten: „Ich schäme mich das erste Mal in meiner Laufbahn.“ Die frühere Nationale Sicherheitsberaterin von Trumps Amtsvorgänger Barack Obama, Susan Rice, bemüht in ihrer Kritik historische Vergleiche: „Es ist Trumps Saigon, und es ist nichts weniger als katastrophal und beschämend.“ (dpa)